„Das Geringste“

1. Korinther 4,1-6

Im Leben des Apostels Paulus gab es viele bemerkenswerte Ereignisse. Immer wieder sah Paulus sich Krisenzeiten und Prüfungen gegenüber. Wenn man sein Leben betrachtet, wie es in seinen Briefen und in der Apostelgeschichte geschildert wird, könnte man denken, dass sein Leben von Anfang bis Ende eine Abfolge großer Dinge war.

Ein solcher Eindruck wäre jedoch kaum richtig. In 1. Korinther 4 finden wir ihn in einer Schwierigkeit, die eine besondere Erprobung für ihn war und ihn möglicherweise während seiner ganzen Zeit seines apostolischen Dienstes auf Schritt und Tritt begleitete – und doch tat er sie als „das Geringste“ ab.

Bei dieser Schwierigkeit handelte es sich um etwas, dem viele Diener des Herrn heute gegenüberstehen. Und fast immer sind wir versucht, es als etwas sehr Großes anzusehen, weil es naturgemäß kaum etwas gibt, was uns so tief verletzt wie Kritik, und vielleicht kaum etwas, an dem wir so sehr kleben wie an unserem guten Ruf.

Der Zustand in Korinth war schlimm, als Paulus seinen ersten Brief an die Korinther schrieb. Neben anderen Übeln war Parteilichkeit ein ernstes Problem, und Kritik am Apostel und an anderen Dienern Christi war weit verbreitet. Die Führer der Parteiungen in der Versammlung waren augenscheinlich Männer aus der Versammlung am Ort oder judaisierende Lehrer von auswärts. Darauf deutet Vers 6 hin, wo Paulus seinen Namen und den von Apollos verwendet. Mit wahrem christlichem Feingefühl vermied er es, die Namen derer zu nennen, die in der Versammlung in Korinth zu Führern der verschiedenen Parteiungen geworden waren. Die Korinther sollten an Paulus und Apollos lernen, „nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben ist, damit ihr euch nicht aufbläht für den einen, gegen den anderen“ (V. 6). So wie sie auf die Gaben in der eigenen Versammlung große Stücke hielten und in ihrer Aufgeblasenheit meinten, diese Gaben seien besonders wichtig, so schauten sie auf die Gaben anderer herab. Sie neigten dazu, solch eine Gabe zu kritisieren und sich sogar über apostolische Autorität hinwegzusetzen.

Diese Haltung war, was ihre Wirkung auf die Versammlung in Korinth anging, in der Tat schlimm genug; doch dass der Apostel von den Korinthern kritisiert und beurteilt wurde, das tat er als „das Geringste“ ab (V. 3).

Wir wollen den Abschnitt kurz untersuchen, mit dem Wunsch und Gebet, dass wir dadurch mehr dahin kommen, diese heilige Einschätzung des Geistes des Apostels zu teilen.

Vers 1 stellt den wahren Charakter der Apostel und ihrer Mitarbeiter vor. Sie waren keine „angesehenen Männer“ im intellektuellen Bereich, die sich mit bewundernden Hörern und Nachfolgern umgaben. Vielmehr sagten sie: „So rühme sich denn niemand der Menschen“ (1. Kor 3,21), und sie selbst waren nur „Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes“. Das Wort, das hier mit „Diener“ wiedergegeben ist, bedeutet einen offiziell beauftragten Diener, jemand, der von einem Herrn Autorität erhalten hat.

Vers 2 betont die besondere Qualifikation, die ein Verwalter benötigt. Er muss dem gegenüber treu sein, der ihm seinen Platz und seine Autorität verliehen hat. Seine vorrangige Aufgabe ist es, seinem Herrn und dessen Interessen zu dienen, gleichgültig, ob er damit anderen gefällt oder nicht.

In Vers 3 antwortet der Apostel, der wirklich ein treuer Verwalter der Geheimnisse Gottes war, seinen Kritikern kühn: „Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch oder von einem menschlichen Tag beurteilt werde.“ In 1. Korinther 3,13 hatte er gesagt, dass „das Werk eines jeden offenbar werden“ wird, „denn der Tag wird es klar machen“. Dort geht es um den Tag, an dem Gottes Beurteilung gehört werden wird. Aber hier ist es ein menschlicher Tag, an dem menschliche Meinungen gehört werden sollen, die völlig zu Ungunsten von Paulus ausfallen und denen, die ihm gleichgesinnt sind. Die Beurteilung „des menschlichen Tages“ war etwas Geringes für Paulus. Er drückt es sogar noch stärker aus: Es ist „das Geringste“.

Aber war es nicht etwas Ernstes, dass der Apostel auch von den Korinthern beurteilt wurde? Sollte ein Gläubiger, ja sogar ein Apostel, nicht tief beunruhigt sein, wenn er von seinen Mitgeschwistern so beurteilt wird?

„Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch … beurteilt werde“ – „von euch“, wer war das? Leider müssen wir sagen: Es waren Gläubige, zu denen das gesagt werden musste. „Ich … konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen“ (1. Kor 3,1). Sie waren fleischliche Gläubige, und das Urteil und die Kritik eines fleischlichen Gläubigen gleichen allzu sehr dem Urteil eines „menschlichen Tages“, das keinen wirklichen Wert hat. Das Ganze ließ den Apostel in seinem eigenen Urteil ziemlich unbeeindruckt. Wie die nachfolgenden Verse zeigen, war er in seinem Geist nicht im Geringsten dadurch verärgert. Keine Spur von Verdruss spiegelt sich in seinen Worten wieder.

Bevor wir zu den nächsten Versen weitergehen, wollen wir einen Moment vom Thema abweichen, damit wir in unseren Überlegungen ausgewogen bleiben.

Es sollte niemand aus dem soeben Gesagten schlussfolgern, dass ein Diener Christi, und sei er noch so belehrt und hingegeben, sich als über jede Kritik erhaben betrachten und sich jeder vorgebrachten Beschwerde verschließen darf. Im Gegenteil. Die Meinung eines fleischlichen oder weltlich gesinnten Gläubigen hat offensichtlich nur wenig oder gar keinen Wert, aber die Meinung eines gottesfürchtigen und gereiften Gläubigen soll sehr wohl hoch geachtet werden. In Galater 2,2 gibt uns der Apostel Paulus selbst ein Beispiel dafür. Er war der Apostel der Nationen und hatte das Evangelium und die Anweisungen darüber, wie er es verkündigen sollte, durch direkte Offenbarung des Herrn erhalten. Und doch war er sich nicht zu gut, sich „im Besonderen“ mit solchen zu beraten, die in Jerusalem als geistliche Männer angesehen waren, damit er nicht, wie er sagt, „vergeblich laufe oder gelaufen wäre“.

Wenn der Diener Christi also in demütiger Gesinnung andere geistlicher als sich selbst einschätzt, tut er gut daran, ihren Rat anzunehmen, ihr geistliches Urteil sorgfältig zu erwägen oder sogar ihre Kritik anzuhören und abzuwägen. Doch auch dann darf er sich nicht in letzter Instanz von ihrer Meinung leiten lassen, sondern vom Wort Gottes. Apostelgeschichte 21,18-30 ist eine Warnung in diese Richtung.

Als Zusammenfassung unseres Kapitels finden wir in Vers 4 das Geheimnis der Erhabenheit des Apostels über bloße menschliche Beurteilung. Am Ende von Vers 3 sagt er, dass er sich noch nicht einmal damit beschäftigte, sich selbst zu beurteilen. Damit wollte er nicht sagen, dass er nicht im Selbstgericht lebte, sondern vielmehr, dass er sogar in seinen eigenen Gedanken nicht den Versuch machte, sein Leben oder Verhalten zu untersuchen und zu beurteilen. Tatsache war, dass er sagen konnte: „Ich bin mir selbst nichts bewusst, aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt. Der mich aber beurteilt, ist der Herr“ (V. 4). Hier sehen wir, was Paulus so wunderbar über alle Furcht vor menschlichen Meinungen erhob: Er lebte so selbstverständlich im Licht des Richterstuhls Christi, dass ihm kein anderer Richterstuhl Angst machen konnte.

Dieser Abschnitt spricht also in einer vierfachen Weise von Beurteilung:

1. Die Beurteilung eines „menschlichen Tages“, das heißt der öffentlichen Meinung der Welt.

2. Die Beurteilung von Gläubigen, die in einem fleischlichen Zustand sind. Sie ist nicht viel mehr wert als das Urteil eines menschlichen Tages.

3. Das Urteil, das ein Diener Gottes über sich selbst fällt. Dies Urteil ist keinesfalls unfehlbar, auch wenn der, der es fällt, sich aufrichtig bemühen mag, bei der Selbstprüfung innerlich einen objektiven und unparteiischen Standpunkt einzunehmen, und auch wenn er sich keiner Sache bewusst ist, die nicht mit dem Herrn, dem er dient, in Übereinstimmung ist. Die Tatsache, dass er sich keiner falschen Sache bewusst ist, beweist nicht, dass er richtig liegt.

4. Die Beurteilung des Herrn, die immer vollkommen und endgültig ist.

Der fünfte Vers unseres Kapitels beginnt mit einem belehrenden Wort zu diesem Thema: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt.“ Wenn wir versucht sind, harte Urteile über einander abzugeben oder Vorschriften zu machen im Hinblick auf Dinge im Leben oder Dienst anderer Leute – Vorschriften, die nicht dem offenbarten Wort, sondern eher einer Beurteilung unterliegen -, dann wollen wir uns daran erinnern, dass wir „vor der Zeit“ sind, wenn wir das tun. Die Zeit wird da sein, wenn der Herr kommt, denn wenn Er kommt, wird Er „das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren“.

Wie herzerforschend sind diese Worte! Einerseits gibt es „verborgene Dinge der Finsternis“ – und wenn wir uns jetzt auf den Richterstuhl setzen, äußern wir ein Urteil, ohne alle Fakten zu kennen und ohne diese Fakten ans Licht bringen zu können. Andererseits gibt es die Überlegungen des Herzens. Das sind die Überlegungen derer, die wir zu kritisieren suchen, jene verborgenen Beweggründe und Motive. Aber – und das sollten wir nie vergessen – es sind auch die verborgenen Beweggründe und Motive unserer eigenen Herzen, also desjenigen, der der Kritiker ist.

Wenn die Zeit gekommen ist, wird eine angemessene „Untersuchung“ des Lebens und Dienstes jedes Gläubigen stattfinden. Diese „Untersuchung“ wird der Herr durchführen und in Seiner Gegenwart wird alles Verborgene und jede Überlegung ans Licht kommen. Das Urteil, das gesprochen wird, wird dann alle Fakten berücksichtigen, die für diesen Fall von Bedeutung sind, „und dann“, heißt es in Vers 5 weiter, „wird einem jeden sein Lob werden von Gott“. Der Gedanke ist nicht, dass jeder Mensch so oder so gelobt werden wird, sondern dass jeder, dem Lob zuerkannt wird, dieses Lob von Gott bekommen wird.

Die Korinther kritisierten und tadelten Paulus. Andererseits erkannten sie andere Führer an und überschütteten solche mit Lob, die sie als Mittelpunkte Parteiungen bevorzugten. Diese Parteiungen werden schnell zu Gesellschaften, in denen man sich gegenseitig bewundert – das ist bis heute so. Wie erbärmlich unbedeutend war das Ganze doch – und ist es noch! Fleischliche Gläubige heben andere Gläubige in den Himmel, die möglicherweise noch fleischlicher sind als sie selbst!

Der Apostel stellt uns „den Tag” vor. Er spricht von der kommenden „Zeit“, wenn der Herr auf dem Richterstuhl sitzt; er spricht von Seiner Gegenwart, vor der nichts verborgen ist; und er spricht von dem Lob von Gott, das als Einziges der Mühe wert ist. Sagen unsere Herzen dazu nicht „Amen“?

Zwei sehr wichtige Grundsätze, die, wenn sie praktisch verwirklicht werden, sehr hilfreich sind, kommen in all diesem zum Vorschein:

1. Solche, die versucht sind, zu kritisieren und zu tadeln, müssen daran denken, dass sie weder alle Fakten eines Falls noch die Motive des Herzens kennen – ganz sicher nicht im Herzen dessen, den sie kritisieren, und nur unvollkommen in ihrem eigenen Herzen. Daher ist es weiser, Rat anzubieten, als ein Urteil zu äußern.

2. Derjenige, der kritisiert wird, mag sich keiner falschen Sache in sich selbst oder seinen Wegen bewusst sein, und doch muss er daran denken, dass das kein unfehlbarer Maßstab dafür ist, dass sein Weg richtig ist. Der Herr wird ihn an jenem Tag beurteilen, und in der Zwischenzeit sollte er in der Gegenwart anderer einen Geist der Demut pflegen.

Zum Schluss wollen wir noch einmal betonen, dass es hierbei nicht um Dinge geht, über die der Wille Gottes in der Schrift offenbart ist, sondern lediglich um Dinge, die der Herzensübung und geistlichen Beurteilung des einzelnen Gläubigen oder Dieners Gottes überlassen sind. Bei allem, was die Schrift sagt, haben wir nur eins zu tun: zu gehorchen.

F.B. Hole

Einordnung: Ermunterung + Ermahnung, Jahrgang 2015, Heft 12

Bibelstellen: 1. Kor 4,1-6

Stichwörter: Beurteilung, Das Geringste, Richterstuhl