Bibelauslegung

Die Kundschafter und das Land Kanaan

4. Mose 13–15

Fortsetzung von Heft 01/2019, Seite 22

Unglaube und Widerspenstigkeit

Die erste Reaktion des Volkes Israelauf den Bericht der Kundschafter istGeschrei und Weinen, das eine ganzeNacht andauert (4. Mo 14,1). Obwohldas herrliche Land zum Greifennahe liegt, verursacht es keineFreude, sondern Trauer. Doch damitnicht genug. Als Nächstes beginnen sie zum wiederholten Mal zu murren (V. 2; vgl. 2. Mo 15,24; 16,2; 17,3; 4. Mo 11,1-4). Zur Trauer kommt damit die Unzufriedenheit mit ihrem Los. Sodann versteigen sie sich zu Vorwürfen gegen Gott, dem sie unterstellen sie im Land Kanaan durch ihre Feinde töten lassen zu wollen (V. 3). Ihre ganze Widerspenstigkeit zeigt sich jedoch in ihrer Äußerung: „Lasst uns ein Haupt über uns setzen und nach Ägypten zurückkehren!“ (V. 4).

Das ist ein Bild der Christenheit und auch vieler wahrer Gläubigen. Schon Paulus musste am Ende seines Lebens klagen, dass alle, die in Asien waren, sich von ihm abgewandt hatten. Vielen Christen erschien schon damals die Weltabgewandtheit des Apostels, der wie kein anderer die himmlische Stellung und die geistlichen Segnungen der Christen verkündigt hatte, zu streng. Sie zogen die Wüste dem fruchtbaren Land Kanaan vor, das ja ein Bild dieser Stellung und Segnung der Christen ist, oder wollten gar in die Welt, nach Ägypten, zurückkehren.

Angesichts der Widerspenstigkeit Israels fallen Mose und Aaron vor der ganzen Gemeinde in Trauer und Demütigung auf ihr Angesicht (V. 5). Mose ist ein Bild des Herrn Jesus als Mittler zwischen Gott und Menschen, Aaron hingegen als unser Hoherpriester. Aber mit Widerspenstigkeit gepaarter Unglaube macht die Auswirkungen dieser unschätzbaren Dienste für die Menschen zunichte. So ist es in der Christenheit großenteils geschehen. Durch ihre Rückwendung zur Welt hat sie die himmlischen, geistlichen Segnungen aufgegeben und durch religiöse Formen, Organisationen und Gebäude ersetzt, die dem Fleisch gefallen. Das Ende davon wird einmal Babylon, die Große, sein, die von Götzendienst und Finanzmacht gekennzeichnet ist (Off 17 und 18).

Doch in diesem traurigen Bild taucht ein Lichtstrahl auf. Josua und Kaleb sind die einzigen Kundschafter, die in dieser Situation die Sprache des Glaubens reden. Josua ist hier schon in gewisser Weise ein Vorbild des göttlichen Erretters Christus, der sein Volk in die herrlichen geistlichen Segnungen einführt, Kaleb dagegen repräsentiert den Glauben, den Gott im Menschen bewirkt. Beide gemeinsam zeigen uns das vollkommene Errettungswerk Christi und dessen Auswirkungen im Menschen. Diese beiden hatten das Land Kanaan mit völlig anderen Augen betrachtet als die anderen Zehn. Sie zerreißen in tiefer Beugung ihre Kleider, wenden sich dann aber mit geistlicher Kraft an das gesamte Volk (V. 6). Sie erinnern es zunächst an die Vorzüge des Landes Kanaan, sodann aber auch daran, was die Voraussetzung für Gottes Beistand beim Einzug in dies vortreffliche Land ist: „Wenn der Herr Gefallen an uns hat, so wird er uns in dieses Land bringen und es uns geben, ein Land, das von Milch und Honig fließt“ (V. 8). Aber dann ermahnen sie das Volk nachdrücklich, sich nicht gegen den Herrn zu empören und sich nicht vor den Bewohnern des Landes zu fürchten.

Josua und Kaleb lassen deutlich erkennen, dass sie ihre Ermahnungen zunächst selbst verwirklichen. Sie lieben das Land, das sie „sehr, sehr gut“ nennen. Sie freuen sich an dem Herrn und sind dadurch Ihm wohlgefällig. Deshalb werden sie auch die einzigen unter ihren Altersgenossen sein, die das Land betreten dürfen. Sie glauben Gott und vertrauen auf Ihn. Dadurch stehen sie im Gegensatz zum übrigen Volk, das sich gegen Ihn empört. Sie fürchten sich nicht vor den Bewohnern des Landes, wie wir später bei Kaleb in Hebron sehen (Jos 15,14). Sie wissen, dass derjenige, der bei ihnen ist, stärker ist als die Feinde und fürchten sich daher nicht (V. 7-9).

Und sie sprachen zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sagten: Das Land, das wir durchzogen haben, um es auszukundschaften, das Land ist sehr, sehr gut. 4. Mose 14,7

Aber Israel ist von seiner Widerspenstigkeit gegen Gott nicht abzubringen. Zur Verachtung des Handelns Gottes gesellt sich Feindschaft gegen die wenigen, die Ihm vertrauen, sich an Ihm erfreuen und Ihm gehorchen wollen. „Und die ganze Gemeinde sagte, dass man sie steinigen solle“ (V. 10). Das ist der Höhepunkt der Widersetzlichkeit Israels gegen Gott. Wie wird Er darauf reagieren?

Gott greift ein

„Da erschien die Herrlichkeit des Herrn am Zelt der Zusammenkunft allen Kindern Israel“ (4. Mo 14,10). Gott, der Herr, schritt jetzt öffentlich ein, und zwar für seine Treuen und gegen sein widerspenstiges Volk. Gewöhnlich erfüllte die Herrlichkeit des Herrn die Wohnung (s. 2. Mo 40,34). Jetzt aber erschien sie außerhalb des Zeltes der Zusammenkunft.

Mose hatte die Herrlichkeit Gottes bereits sehen dürfen. Als das Volk Israel um das goldene Kalb tanzte, hatte Gott es schon einmal vernichten wollen. Auch damals hatte Mose sich für Israel eingesetzt. Danach hatte er wegen des Götzendienstes Israels das Zelt der Zusammenkunft außerhalb des Lagers aufgeschlagen. Trotz der großen Sünde des Volkes sagte Gott diesem auch weiterhin seine Gnade zu. Damals bat Mose Gott: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“. Er wollte den Grund dafür erkennen, warum Gott unter solchen Umständen noch gnädig sein konnte. Mose durfte diese Herrlichkeit sehen, als sie an ihm vorübergegangen war (2. Mo 33).

Das Erscheinen der Herrlichkeit des Herrn zum jetzigen Zeitpunkt zeigt, dass Gott sich auf die Seite Moses stellt. Er anerkennt dadurch öffentlich vor dem ganzen Volk das schon einmal sichtbar gewordene Bemühen und die Freude Moses, seine Herrlichkeit, seine Gedanken und Pläne zu erfassen und zu verstehen.

Das Volk Israel dagegen hat auch jetzt durch seine Widersetzlichkeit verdient, bestraft zu werden. Gott will es durch die Pest vertilgen und Mose zu einer neuen, größeren Nation machen (V. 11 und 12). Er wusste, an wen Er diese Worte richtete. Er wusste, dass Mose vollkommen mit seinem Wesen im Einklang war, denn dieser hatte einmal die Worte aus Gottes Mund gehört: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit …“ (V. 13-19; vgl. 2. Mo 34,6). Auf diesen Zug der Herrlichkeit Gottes beruft Mose sich nun angesichts der Strafandrohung und bittet um Vergebung für das Volk.

Wir sehen nun, wie die Herrlichkeit des Herrn sich erneut in Gnade und Vergebung offenbart.Er antwortet Mose: „Ich habe vergeben nach deinem Wort“ (V. 20). Obwohl das Volk Israel keine Buße tut, wird es nicht sofort ausgerottet, sondern erfährt etwas, was auch in der gegenwärtigen Zeit gilt: Gott ist ein Gott der Vergebung. Damit ist nicht die Vergebung gemeint, in der die persönliche Schuld ausgetilgt wird, sondern eine Vergebung in der Regierung Gottes, die sich darin zeigt, dass Gott sündige Menschen mit Langmut erträgt. Die heutige Christenheit ist großenteils so ungläubig wie das Volk Israel damals, und doch vernichtet Gott sie nicht. Der Grund dafür ist seine Vergebungsbereitschaft (vgl. 2. Kor 5,19; 1. Tim 2,3.4).

Vergib doch die Ungerechtigkeit dieses Volkes nach der Größe deiner Güte und so, wie du diesem Volk verziehen hast von Ägypten an bis hierher! 4. Mose 14,19 

Doch die Herrlichkeit Gottes muss sich auch in Gerechtigkeit erweisen (V. 21-23). Alle, die seinem Wort nicht vertraut haben, müssen die Gerechtigkeit Gottes in seiner Regierung über die Menschen erfahren. Sie sollen in der Wüste niedergestreckt werden, weil Er kein Wohlgefallen an ihnen hat (s. 1. Kor 10,5). Im Glaubensgehorsam haben sie zwar Zuflucht unter dem Blut des Passahlamms gesucht und sind mit Mose durch das Schilfmeer gezogen. Aber wenn es um den eigentlichen Bereich des Segens geht, haben sie keinen Glauben gezeigt. So sagt Psalm 95,10 im Rückblick: „Vierzig Jahre hatte ich Ekel an dem Geschlecht.“ Sie stellen nicht verlorene Menschen dar, sondern Gläubige, die sich weigern, unter der Leitung Gottes die wertvollen, bleibenden geistlichen Segnungen in Besitz zu nehmen. Kaleb ist da jedoch eine leuchtende Ausnahme (V. 24). Er vertraut Gott und seinem Wort und beweist dies durch sein Verhalten. In ihm ist ein „anderer Geist“, denn er ist Gott „völlig nachgefolgt“. Wie sehr dies zutrifft, sehen wir in Josua 14 und 15, wo Kaleb sein Erbteil in Besitz nimmt und seiner Tochter Aksa Anteil daran gibt.

Dann folgt der Auftrag Gottes an das Volk, umzukehren und den Weg zum Schilfmeer einzuschlagen, woher sie gekommen waren (V. 25). Geistlicher Stillstand führt zu geistlichem Rückgang! Wenn wir uns weigern, den  Willen Gottes zu tun, fallen wir geistlich zurück. Alle, die über zwanzig Jahre alt sind, sollen in der Wüste sterben (V. 28-35; vgl. V. 2). Entsprechend der Zahl der Tage, die die Kundschafter das Land ausgespäht haben, soll das Volk vierzig Jahre in der Wüste seine Ungerechtigkeit tragen. Da jetzt bereits fast zwei Jahre seit dem Auszug aus Ägypten vergangen sind, verbleiben noch achtunddreißig Jahre (s. 5. Mo 2,14).

Die zehn  Männer, die ein böses Gerücht über das Land unter dem Volk verbreitet und es dadurch gegen den Herrn aufgehetzt haben, sterben sofort durch eine Plage Gottes (V. 36 und 37). Sie haben gleichsam eine  „Sünde zum Tod“ begangen und müssen die Folge davon tragen (vgl. 1. Joh 5,16) – anders als das übrige Volk, das unter der Regierung Gottes langsam wegsterben soll, bis der Jordan, die Grenze Kanaans, erreicht ist.

Josua und Kaleb dagegen werden noch zweimal als Ausnahmen erwähnt (V. 30 und 38). Diese beiden Männer sind leuchtende Vorbilder für uns, wenn es um die Belehrung geht, die dieser Abschnitt für uns enthält. Mit  ihnen werden die kleinen Kinder genannt, im Blick auf die Israeliten, die Gott vorgeworfen hatten, Er würde sie im Land der Verheißung den Feinden zur Beute werden lassen. Es sind alle, die in der Wüste geboren sind, aber dazu kommen alle, die jetzt unter zwanzig Jahre alt sind (V. 29 und 31; vgl. V. 2). Sie alle werden in den vierzig Jahren von Gott „gepflegt“, und es wird ihnen an nichts fehlen (s. 5. Mo 8). So dienen diese Jahre einerseits zur Bestrafung der Widerspenstigkeit der Erlösten Gottes, andererseits als Beweis seiner unermüdlichen Fürsorge für die Seinen. Vierzig ist die Zahl der Erprobung und der Bewährung in jeder Hinsicht, wie wir gesehen haben.

Als Mose seine Worte beendet hat, ändert sich die Haltung des Volkes nur scheinbar. Sie vergießen Tränen, bekunden aber gleichzeitig, dass sie in das Land einziehen wollen (V. 39 und 40)! Ihr Bekenntnis „Wir haben gesündigt“ ist hohl und unaufrichtig. Mehrere Male finden wir ein solches Bekenntnis in der Heiligen Schrift (2. Mo 9,27; 10,16; 4. Mo 21,7; 22,34; Jos 7,20; Ri 10,10; 1. Sam 12,10; 15,30; 26,21; Mt 27,4). In den meisten Fällen fehlt dabei jedoch wie hier eine wirkliche Buße.1

FN1 Nur in den folgenden Stellen scheint das Bekenntnis echt zu sein: 4. Mo 21,7; 2. Sam 12,13; 24,10.17; Neh 1,6; Lk 15,21.

Darin liegt eine tiefernste Lektion. Es genügt Gott nicht, wenn wir ein leichthin ausgesprochenes „Bekenntnis“ ablegen, das nicht aufrichtig und von wahrer Reue und Buße über unser Versagen gekennzeichnet ist. Gott sieht auf das Herz (1. Sam 16,7). Menschen können jedoch nicht ins Herz eines anderen schauen. Wir sind daher darauf angewiesen zu prüfen, ob ein abgelegtes Bekenntnis echt und wahr ist, oder ob es nur eine  oberflächliche Bitte um Entschuldigung oder ein erzwungenes Geständnis ist. Das erfordert fast immer eine längere Zeit der Prüfung. Das gilt insbesondere in Versammlungsfragen, wo eiliges Handeln gewöhnlich nie  empfehlenswert ist.

Der Herr sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht; denn der Mensch sieht auf das Äußere, aber der Herr sieht auf das Herz. 1. Samuel 16,7

Die Israeliten übergehen vollständig die Strafankündigung, die Gott durch Mose als Antwort auf ihre Widerspenstigkeit verkündet hat. Ihr Unglaube bekundet sich jedoch in einer neuen Art. Sie haben sich zwar davor  gefürchtet, mit Gott in das Land zu ziehen, fürchten sich aber nicht, es ohne Ihn zu tun! Trotz der ernsten Ermahnung Moses machen sie sich in ihrer Vermessenheit auf den Weg, auf dem ihnen die Amalekiter und  Kanaaniter im Kampf begegnen würden (V. 41-45; vgl. V. 25). Das Ergebnis ist eine Niederlage, die durch den Namen Horma („Versprengung, Verbannung“) dokumentiert wird.

In 5. Mose 1,41-45, wo dieser Ungehorsam Israels nochmals berichtet wird, heißt es zum Schluss: „Und ihr kehrtet zurück und weintet vor dem Herrn; aber der Herr hörte nicht auf eure Stimme und neigte sein Ohr nicht  zu euch.“ Auch hier kein dem Herrn gefälliges Weinen in echter Trauer über begangenen Ungehorsam und keine wirkliche Umkehr, sondern mehr ein Zeichen der Verzweiflung ohne irgendeine geistliche Regung. Dementsprechend änderte Gott seine Gedanken über das Volk auch nicht. Es gab keine Erhörung für Israel in dieser Sache.

„Aber die Lade des Bundes des Herrn und Mose wichen nicht aus der Mitte des Lagers“ (V. 44). Deutlicher könnte der Eigenwille des Volkes nicht gekennzeichnet werden: Sie ziehen ohne Gott und ohne den von Ihm ernannten Führer in einen Kampf, dessen Ende ihnen vorausgesagt worden ist. – Doch wie oft geschieht Ähnliches auch heute. Trotz aller Warnungen und Hinweise, dass der Herr einen Weg nicht gutheißen kann, wird ein eigenwilliger Weg beschritten, der nicht nur nicht zum erwünschten Ziel führt, sondern manchmal in einer Katastrophe endet.

Gottes Treue und Gnade

Die Begebenheit der Aussendung und Rückkehr der Kundschafter und ihrer folgenschweren Ergebnisse führt uns das Versagen des Volkes Gottes vor Augen. Es mutet auf den ersten Blick erstaunlich an, dass Gott sogleich anschließend zu Mose sagt: „Wenn ihr in das Land eurer Wohnsitze kommt …“ (4. Mo 15,1.2). In Wirklichkeit sind diese Worte eine große Ermutigung für den Glauben und eine Zusicherung der nie endenden Treue und Gnade Gottes gegenüber seinem Volk.

Erinnern wir uns daran, dass die Israeliten erst vierzig Jahre nach ihrer Errettung aus Ägypten in das Land Kanaan einzogen, während der Christ, sobald er mit Christus lebendig gemacht ist, mit Ihm auferweckt ist und in Ihm auch in den himmlischen Örtern mitsitzen darf (Eph 2,5.6). Nach Gottes Willen verlaufen die Wüstenwanderung und der Besitz des Landes für uns parallel. Unsere irdischen Umstände, wovon die Wüste bildlich redet, und der Genuss der geistlichen Segnungen in Christus in den himmlischen Örtern (Kanaan) sind die zwei Seiten unseres Glaubenslebens. Leider kann es geschehen, dass wir uns durch mangelnden Glauben in der Wüste aufhalten, ohne die bleibenden geistlichen Segnungen wirklich zu kennen und zu genießen.

Gerade darauf geht nun der erste Abschnitt von 4. Mose 15 ein. Gott will, dass wir als Gläubige während unseres Erdenlebens auch die himmlischen Segnungen kennen, die uns in Christus geschenkt sind: die Gotteskindschaft, die Sohnschaft, das ewige Leben, den Besitz des Heiligen Geistes und auch die Kenntnis der Versammlung Gottes, vor allem aber die Freude an unserem Herrn Jesus Christus, der im Himmel ist. In diesem Abschnitt sehen wir, dass Gott unveränderlich an seinem Ratschluss für Israel festhält. Er geht davon aus, sein Volk trotz seines Versagens im Land Kanaan zu sehen, obwohl Er ihm gerade die vierzigjährige Wüstenwanderung auferlegt hat. Sein Ziel bleibt auch mit uns immer, uns in den Genuss all der großartigen Segnungen zu bringen, die Er uns in Christus geschenkt hat. Doch noch mehr: Er möchte etwas von uns empfangen, was wir im „Land“ gefunden haben und Ihm in Anbetung bringen.

Dieser Abschnitt enthält eine wichtige Mitteilung Gottes über das, was Israel tun soll, wenn es „im Land seiner Wohnsitze“, das heißt in Kanaan, angekommen ist. In der Wüste hatte es keine „Wohnsitze“. Es geht hier um die Opfer, die Gott freiwillig gebracht werden können (V. 3). Diese freiwilligen Opfer sind ein Bild unserer Anbetung des Vaters in Geist und Wahrheit. Der Herr Jesus hat alle, die an Ihn glauben, zu Priestern für seinen Gott und Vater gemacht (Off 1,6). Als heilige Priester dürfen wir geistliche Schlachtopfer darbringen. Es sind Opfer des Lobes, die Frucht der Lippen derer, die seinen Namen bekennen (Heb 13,15). Es ist unser hohes Vorrecht, uns mit dem Wohlgefallen, das Gott, der Vater, an seinem Sohn hat, in Anbetung einszumachen. Die Belehrung dieses Abschnitts liegt vor allem darin, dass nicht die Segnungen das Wichtigste sind, sondern derjenige, in dem wir sie empfangen haben. Von Ihm reden ja alle „Feueropfer lieblichen Geruchs“. Außerdem finden wir hier ein zunehmendes Verständnis über das Opfer und die Person Christi (V. 3-16).

Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Hebräer 13,15

Ein „Feueropfer“ war alles, was von einem Opfer auf dem Altar geräuchert wurde, beim Brandopfer das Ganze, beim Friedens-, Sünd- und Schuldopfer das Fett. Hier werden jedoch nur das Brandopfer und das Friedensopfer („Schlachtopfer“) genannt, weil sie die einzigen freiwilligen Tieropfer waren. Solche Opfer konnten aus den verschiedensten Anlässen gebracht werden: um ein Gelübde zu erfüllen, als freiwillige Gabe oder an den besonderen Festtagen, wo man Gott nahte.

Das Wichtige ist, dass die Opfer dazu dienen, „dem Herrn einen lieblichen Geruch zu bereiten“. Christus selbst hat sich hingegeben „als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“, und auch wir dürfen als heilige Priester „geistliche Schlachtopfer darbringen, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“ (Eph 5,2; 1. Pet 2,5). Diese Beschreibung trifft in vollem Maß nur auf das Brandopfer zu. Das Brandopfer zeigt uns, dass der Herr Jesus alle durch die Sünde aufgekommenen Fragen durch seinen Gehorsam und seine Hingabe als Opfer so vollkommen zur Verherrlichung Gottes gelöst hat, dass ein lieblicher Geruch vom Kreuz aufstieg, aufgrund dessen wir als „begnadigt [oder: angenehm gemacht] in dem Geliebten“ dastehen (Eph 1,6).

Bei den Opfervorschriften am Anfang des 3. Buches Mose werden die größten Opfertiere zuerst erwähnt, danach die kleineren. Wir sehen also eine absteigende Reihenfolge. Dort stellt Gott das, was für Ihn das Wichtigste ist, an die erste Stelle. Hier in 4. Mose 15,1-12 ist es jedoch umgekehrt. Hier haben wir eine aufsteigende Linie, die von geistlichem Wachstum spricht. Der Heilige Geist beginnt hier mit einem Schaf und geht dann über den Widder weiter zum jungen Rind (oder Stier). Das hier vorgestellte geistliche Wachstum besteht in einer Zunahme der Fähigkeit, Christus in Anbetung zum Wohlgefallen Gottes, des Vaters, vor Ihn zu bringen.

Doch so groß und herrlich diese Belehrung für uns ist, ist die Belehrung dieses Abschnitts damit nicht erschöpft. Die Hauptbelehrung scheint nicht in den Schlachtopfern zu liegen, sondern in den dazugehörigen Speis-  und Trankopfern. Wie jene sollen auch diese im gleichen Verhältnis zunehmen.

  • Bei einem Schaf besteht das Speisopfer aus einem Zehntel (Epha, s. 3. Mo 6,13) Feinmehl, gemengt mit einem viertel Hin Öl; dazu kommt ein Trankopfer von einem viertel Hin Wein.
  • Bei einem Widder besteht das Speisopfer aus zwei Zehnteln Feinmehl, mit einem drittel Hin Öl gemengt, dazu als Trankopfer ein drittel Hin Wein.
  • Bei einem jungen Rind kommt als Speisopfer drei Zehntel Feinmehl hinzu, gemengt mit einem halben Hin Öl, und als Trankopfer ein halbes Hin Wein (V. 7-10).

Zwischen dem Schlachtopfer und dem Speisopfer besteht ein Unterschied. Zwar sind beide „Feueropfer“, das heißt, sie werden beide auf dem Altar zum lieblichen Geruch für Gott dargebracht. Aber während das Schlachtopfer immer ein Tier ist, das getötet werden muss, besteht das Speisopfer aus Weizen in verschiedenen Zubereitungsformen (s. 3. Mo 2; 2. Mo 29,2). Das Schlachtopfer spricht vom Opfertod Christi, das Speisopfer dagegen von seiner vollkommenen Menschheit in seinem Erdenleben. Nur Christus, der rein und ohne jede Sünde war, konnte das Sühnopfer werden. Deshalb gehören zu den Schlachtopfern immer auch Speisopfer („und sein Speisopfer“; s. 3. Mo 23,13). Die Verbindung des Weizens im Speisopfer mit Öl weist auf die innige Beziehung der Menschheit Christi zur göttlichen Person des Heiligen Geistes hin. Seine Menschwerdung wurde vom Heiligen Geist bewirkt, Er wurde als Mensch mit Heiligem Geist gesalbt und war voll Heiligen Geistes (Lk 1,35; 4,1; Apg 10,38).

Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm. Apostelgeschichte 10,38

Das Trankopfer bestand aus Wein, der ein Bild der Freude ist (Ps 104,15). Beim israelitischen Opferdienst wird es fast immer zusammen mit Schlacht- und Speisopfern erwähnt. Es wurde aus goldenen Kannen ausgegossen (2. Mo 37,16). Im Neuen Testament erfahren wir etwas Besonderes über dies Opfer. Paulus bezeichnet sich selbst zweimal als Trankopfer. Einmal sieht er sich als Trankopfer, das über das Opfer und den Dienst des Glaubens der Philipper gesprengt wird, worüber er sich freut, und einmal bringt er es mit dem Ende seines Lebens auf der Erde in Verbindung (s. Phil 2,17; 2. Tim 4,6). Das Trankopfer bildet also in jedem Fall einen Abschluss, der mit geistlicher, ja himmlischer Freude verbunden ist.

Wenn wir im Verständnis des Erlösungswerkes und dessen, der es vollbracht hat, voranschreiten, soll damit ein entsprechendes Wachstum in der Erkenntnis seiner Person und seines vollkommenen Wandels einhergehen. Die Speis- und Trankopfer sind im Einklang mit den hier genannten Schlachtopfern; beide werden stufenweise größer. Das geistliche Wachstum ist nicht nur ein Fortschreiten in der Erkenntnis Christi und seines großen Werkes. Erkenntnis allein kann zu geistlicher „Aufblähung“ führen (s. 1. Kor 8,1). Nein, wir sollen auch mehr und mehr Freude an Ihm haben und diese Freude praktisch ausleben. Auch dadurch wird der Herr Jesus verherrlicht.

Die Speis- und Trankopfer bleiben in jedem Fall bruchstückhaft. Die Mengenangaben sind Bruchzahlen, keine ganzen Zahlen. Auch beim größten Opfer bleibt dies so: drei Zehntel Feinmehl, ein halbes Hin Öl, ein halbes
Hin Wein. Das weist uns erstens darauf hin, dass auf der Erde kein Gläubiger ein vollkommenes Verständnis der Person Christi als Mensch besitzt; und zweitens, dass wir uns hier noch in der Gegenwart in den „himmlischen Örtern“ befinden und noch nicht in der ewigen Herrlichkeit. Paulus sagt: „Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden … Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin“ (1. Kor 13,9.10.12). Wenn dies im Allgemeinen  gilt, wie viel mehr in Bezug auf die herrliche Person Christi, der von sich selbst sagte: „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater“ (Mt 11,27)! In der zukünftigen Herrlichkeit des Vaterhauses wird es keine Unvollkommenheiten und kein Wachstum mehr geben, sonst wäre es ja keine Vollkommenheit. Wir werden Ihn sehen, wie Er ist (1. Joh 3,2). Dort wird nichts mehr verborgen sein.

Arend Remmers

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2019, Heft 2, Seite 11

Bibelstellen: 4. Mose 13–15

Stichwörter: Gottes Gnade, Kundschafter, Unglaube, Widerspenstigkeit