Fragen und Antworten

Land der Lebendigen

Frage: Im Alten Testament kommt einige Male der Ausdruck „Land der Lebendigen“ vor. Worauf bezieht sich dieser Ausdruck? Ist damit der Himmel gemeint, in dem wir einmal im vollen Genuss des ewigen Lebens sein werden? Oder ist etwas anderes gemeint?

Antwort: Allein die Tatsache, dass der Ausdruck „Land der Lebendigen“ ausschließlich im Alten Testament vorkommt, macht deutlich, dass es zumindest nicht um das Vaterhaus geht, der „Heimat“ des ewigen Lebens, wo wir tatsächlich das ewige Leben im vollen Umfang und ohne jede Beeinträchtigung genießen werden. Das Vaterhaus ist im Alten Testament völlig unbekannt.

Es gibt fünf Bibelbücher, in denen der Ausdruck „Land der Lebendigen“ vorkommt:

• Hiob (28,13)

• Psalmen (27,13; 52,7; 116,9; 142,6)

• Jesaja (38,11; 53,8)

• Jeremia (11,19)

• Hesekiel (26,20; 32,23-27.32)

Ein Vergleich dieser Stellen zeigt schnell, dass es in der eigentlichen Bedeutung nicht um den Himmel, sondern um die Erde geht. Das Leben wird hier dem Tod gegenübergestellt, so dass wir das „Land der Lebendigen“ am besten als Gegenstück zu dem alttestamentlichen Scheol (dem Reich der Toten) verstehen können. Das wird besonders deutlich, wenn wir die Stelle aus Jesaja 53,8 anschauen, die von unserem Herrn spricht:

„Er ist weggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht. Und wer wird sein Geschlecht aussprechen? Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen: Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen“.

Dieser Vers macht deutlich, dass der Herr durch den Tod der ungerechten und schändlichen Behandlung der Menschen entzogen worden ist. Der Tod hat ihn aus dem „Land der Lebendigen“ abgeschnitten, so dass kein ungläubiger Mensch mehr auf Ihn zugreifen konnte. Mit dem „Himmel“ hat das „Land der Lebendigen“ hier erkennbar nichts zu tun.

Das „Land der Lebendigen“ meint die gegenwärtige Welt, in der Menschen leben – im Gegensatz zum „Land der Toten“. Das wird besonders in den sieben Stellen im Propheten Hesekiel deutlich, wo im Gegensatz zu dem „Land der Lebendigen“ von der „Grube“ und dem „Grab“ (jeweils Synonyme für Tod, Gericht und Verderben) gesprochen wird. Der Zusammenhang von Jesaja 38,10-12 zeigt das ebenfalls sehr klar (vgl. auch Ps 52,7).

Das „Land der Lebendigen“ beschreibt somit den Ort, an dem die Gläubigen des Alten Testaments Gottes Gegenwart und seine Segnungen erleben. David spricht in Psalm 142,6 von der Zuflucht und dem Teil, das der Herr im „Land der Lebendigen“ für ihn ist. Das kann sich nur auf das gegenwärtige Leben beziehen. In Psalm 27,13 spricht er von seiner Zuversicht, dass er die Güte des HERRN im „Land der Lebendigen“ sehen wird – auch das bezieht sich auf sein irdisches Leben. Die Hoffnung der gläubigen Juden im Alten Testament war eine irdische: ein Leben auf der Erde unter der Friedensherrschaft des Messias im „Land der Lebendigen“ (vgl. Hes 26,20).

Das ist die eigentliche Erklärung und Auslegung des Ausdrucks „Land der Lebendigen“ im Kontext dessen, was das Alte Testament dazu sagt. Damit ist nicht gesagt, dass wir nicht mit der gebotenen Vorsicht eine Anwendung auf das „Land“ machen können, in dem wir – die Gläubigen der Gnadenzeit – einmal das ewige Leben genießen werden und wo es keinen Tod mehr gibt. Es wird eine Zeit kommen, in der wir ungetrübte Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn haben werden, die durch nichts gestört oder gar unterbrochen werden kann. So könnten wir z. B. Psalm 116,9 anwenden: „Ich werde wandeln vor dem HERRN im Land der Lebendigen“. Aber es ist wichtig, dass wir das als eine Anwendung bezeichnen und nicht als Erklärung und Auslegung.

Und ich war wie ein zahmes Lamm, das zum Schlachten geführt wird; und ich wusste nicht, dass sie Pläne gegen mich ersannen: „Lasst uns den Baum mit seiner Frucht verderben und ihn aus dem Land der Lebendigen ausrotten, dass man sich nicht mehr an seinen Namen erinnere!“
Jeremia 11,19

Ernst-August Bremicker

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2026, Heft 3, Seite 23

Bibelstellen: Hiob 28,13; Psalmen 27,13; 52,7; 116,9; 142,6; Jesaja 38,10-12; 53,8; Jeremia 11,19; Hesekiel 26,20; 32,23; u. a.;

Stichwörter: Erde, Gemeinschaft, Grab, Heimat, Himmel, Land, Lebendige, Tod