Bibelauslegung

sonntag

Es ist äußerst interessant, das Thema des Sabbats und damit der Ruhe – denn Sabbat bedeutet Ruhe – durch die Bibel hindurch zu verfolgen. Es ist nicht nur spannungsgeladener, als uns manchmal bewusst ist, sondern es ist auch ein Thema, das uns glücklich macht: Es zeigt uns, was für einen Plan Gott für seine Geschöpfe hatte, wie dieser Plan vollkommen vereitelt zu sein schien, und wie Gott ihn dennoch ausführen wird.

Der bekannte Bibelausleger John Nelson Darby schrieb einmal folgenden Satz: „In die Ruhe Gottes einzugehen ist vielleicht die höchste Form der Segnung, die wir uns vorstellen können.“ Auf den ersten Blick mag uns diese Aussage erstaunen. Um zu sehen, was dahinter steckt, müssen wir uns mit dem Ursprung des Sabbats beschäftigen.

Der Sabbat und sein Ursprung

Der Sabbat begegnet uns schon vor dem Sündenfall. Gott ruhte nach den sechs Tagen der Schöpfung (1. Mo 2,1). Den siebten Tag der Woche heiligte Er, d. h. Er reservierte ihn zu einem bestimmten Zweck. Sein großer Plan war, dem Menschen einmal zu erlauben, diese seine Ruhe mit Ihm zu teilen. So wurde der siebte Tag später zum Sabbat erklärt. Diesen Ausdruck finden wir zwar in 1. Mose 2 noch nicht, aber das entsprechende Verb „ruhen“ (schabat), kommt hier gleich zweimal vor (1. Mo 2,2.3). Das ist umso auffälliger, als es im Hebräischen verschiedene Wörter für „ruhen“ gibt. Später verbindet Gott den Sabbat ausdrücklich mit seiner Ruhe nach den Schöpfungstagen (2. Mo 20,11).

Der Zusammenhang ist sehr aufschlussreich: Gottes Ruhe hängt nicht etwa mit dem Ausruhen von Erschöpfung zusammen, sondern hat mit Wohlgefallen und Befriedigung zu tun. Erst nach dem sechsten Schöpfungstag heißt es, dass alles „sehr gut“ war, und erst dann ruhte Gott. Das Werk der Schöpfung war fertiggestellt. Nichts war daran auszusetzen. Alles war in dem Zustand, in dem Gott es haben wollte. Nun konnte Gott ruhen. Das erklärt, warum es eine so großartige Segnung ist, wenn der Mensch an dieser Ruhe teilnehmen darf.

Der Sabbat und die Sünde

Dieser „sehr gute“ Zustand der Schöpfung dauerte nicht lange an. Die Ruhe wurde jäh unterbrochen, als der Mensch auf die Schlange hörte. Von nun an lesen wir erst einmal nichts mehr vom Sabbat. Viele Jahrhunderte vergehen. Erst als endlich der Augenblick kommt, wo Gott ein erlöstes Volk hat, kommt der Sabbat wieder vor1). Das ist sicher kein Zufall. Es heißt in 5. Mose 5 ausdrücklich: „Und erinnere dich daran, dass du ein Knecht gewesen bist im Land Ägypten, und dass der HERR, dein Gott, dich mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat; darum hat der HERR, dein Gott, dir geboten, den Sabbattag zu feiern“ (V. 15). So lesen wir erst nach dem Passah und dem Durchzug durch das Rote Meer wieder vom Sabbat, nämlich in 2. Mose 16. Hier heißt es im Zusammenhang mit dem Manna, das Gott zur Versorgung seines Volkes vom Himmel regnen ließ: „Sechs Tage sollt ihr es sammeln; aber am siebten Tag ist Sabbat, an dem wird es nicht da sein … Und das Volk ruhte am siebten Tag“ (2. Mo 16,26.30). Wie der Herr Jesus später selbst erklärte, war Er das Brot vom Himmel. So gefiel es Gott, an dieser Stelle anzudeuten:

  • dass Er den Gedanken an die Sabbatruhe keinesfalls aufgegeben hatte;
  • dass Er den Menschen an dieser Ruhe teilnehmen lassen wollte;
  • dass dies aber erst nach der Erlösung geschehen konnte, und
  • dass der Mensch nur in Verbindung mit dem vom Himmel gekommenen Sohn des Menschen in Gottes Ruhe eingehen kann.

 

Der Sabbat, das Gesetz und der Bund

Im Weiteren erfahren wir, dass die Sabbatruhe in doppelter Hinsicht verankert wird:

  • Erstens wird der Sabbat zu einem festen Bestandteil des Gesetzes: „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen“ (2. Mo 20,8). Die Sabbatruhe, die zunächst in Gnade gegeben worden war (2. Mo 16), wurde nun zu einer Verpflichtung, der das Volk Gottes nachkommen musste. Es war zwar eine Verpflichtung zur Ruhe, aber dennoch eine Verpflichtung. Das Volk hatte sich unter das Gesetz gestellt (2. Mo 19,8). Damit war es nun verantwortlich. Bei Todesstrafe war es verboten, die Sabbatruhe zu brechen (2. Mo 31,14.15).
  • Zweitens wird der Sabbat zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk: „ein ewiger Bund, … ein Zeichen zwischen mir und den Kindern Israel auf ewig“ (2. Mo 31,16.17). Eigentlich kann man sich kaum etwas Schöneres vorstellen: Der Mensch darf ruhen, weil Gott ruhte – und diese Ruhe wird zum Zeichen der Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk. Aber was ist daraus geworden?

 

Der Sabbat gebrochen

Die Tendenz, den Sabbat nicht zu genießen, begegnet uns schon vor der Gesetzgebung, beim Auflesen des Manna: „Und es geschah am siebten Tag, dass einige vom Volk hinausgingen, um zu sammeln, und sie fanden nichts …“ (2. Mo 16,27). Aber auch das ausdrückliche Gebot, den Sabbat zu halten, wurde bald gebrochen. Schon während der Wüstenreise lesen wir von einem Mann, der am Sabbat Holz auflas und deshalb gesteinigt werden musste (4. Mo 15,32-36). Er war ein treffendes Bild der Nation, die bewusst das Gesetz gebrochen und damit das Todesurteil auf sich geladen hatte. So musste Gott später klagen, dass sein Volk seine Sabbate „sehr entweiht“ hatte (Hes 20,13; vgl. 22,8). Dasselbe galt für das Sabbatjahr, das Gott eingeführt hatte (3. Mo 25,1-7). Auch diese Vorschrift hatte man über Jahrhunderte hinweg systematisch missachtet (2. Chr 36,21).

Damit schien alles verloren zu sein. Erstens waren Sünde und Elend in die Welt gekommen und damit war längst nicht mehr alles „sehr gut“, und zweitens war der Sabbat missachtet worden, das Gebot Gottes und das Zeichen des Bundes zwischen Ihm und seinem Volk. Was nun? War die Aussicht auf Ruhe ein für alle Mal verloren?

Der Herr des Sabbats

Als der Herr Jesus auf die Erde kam, schien das tatsächlich der Fall zu sein. Während die Pharisäer vorgaben, den Sabbat zu halten, war eigentlich jegliche Grundlage dafür verloren gegangen. Überall gab es Notfälle, die schlimmer waren als ein in den Brunnen gefallener Ochse (für den auch die Pharisäer die Sabbatruhe unterbrochen hätten). So musste der Herr sagen „Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke“ (Joh 5,17). Der Zusammenhang dieses Ausspruchs ist äußerst interessant. Gerade hatte Er am Teich von Bethesda einen seit 38 Jahren gelähmten Mann geheilt. Als die Juden es erfuhren, reagierten sie auf erschreckende Art und Weise: „Und darum verfolgten die Juden Jesus und suchten ihn zu töten, weil er dies am Sabbat tat“ (V. 16). So weit war es gekommen: Der Sohn des Menschen, der Herr des Sabbats (Mt 12,8) stand vor ihnen. Durch Ihn allein konnte die „gelähmte“ Nation geheilt werden, und sie wollten Ihn umbringen!

Der Sabbat und Gottes Heilsplan

Wenn es sich so mit dem Menschen verhält, wie soll er dann jemals in Gottes Ruhe eingehen? Aber Gottes Plan steht. In beeindruckender Weise hatte Gott diesen Plan in dem Kalender der jüdischen Festtage niedergelegt. Das Kapitel, das die sieben jährlichen „Feste des Herrn“ vorstellt (3. Mo 23), beginnt mit dem Sabbat und endet mit einem „Tag der Ruhe“ (Hebr. „schabbaton“), nämlich dem achten Tag des Laubhüttenfests (V. 39). Die ersten Verse zeigen das Ziel: Gott will die Ruhe herbeiführen. Dann nennt Er mit dem ersten jährlichen Fest die Grundlage, auf der das geschehen wird: das Passah! Das Werk Christi am Kreuz bildet die Basis. Er würde als der Erstling auferstehen (Fest der Erstlingsgarbe), die Versammlung gründen (Fest der Wochen), und sich dann, nach einem langen Zwischenraum wieder seinem Volk zuwenden, es aufwecken und sammeln (Fest des Posaunenhalls), es zur Buße führen (der große Sühnungstag), und dann im 1000-jährigen Reich (Laubhüttenfest) in die Ruhe einführen, die – wie der achte Tag andeutet – selbst nach 1000 Jahren nicht enden wird!

Der Sabbat und eine Grundlage

Aber, so mag jemand fragen, wie ist das zu vereinbaren mit einem gebrochenen Gesetz und einem gebrochenen Bund? Der Mensch hatte tatsächlich alles verspielt, jeden Anspruch verwirkt. Aber dann handelt Gott „um seines Namens willen“ (Hes 20,13.14). Wie kann Er das tun? Christus ist die Antwort. Er hat die, die unter dem Gesetz standen, „losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch … geworden ist“ (Gal 3,13) und Er hat die Grundlage für den Neuen Bund mit Israel gelegt (Jer 31,31). Dieser Bund beruht nicht mehr auf Verantwortung, sondern auf Gnade: Die Sprache des Neuen Bundes ist das von Gott kommende „ich will“ (Jer 30,10.17.18; 31,2.4.13.14.20 etc.) und nicht mehr das an den Menschen gerichtete „du sollst“. Diese Grundlage dafür ist das Blut Christi: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20).

Schon bei Noahs Opfer roch Gott den lieblichen Geruch – oder auch den Duft der „Beruhigung“ (1. Mo 8,21, Fußnote). Gott sah in diesem Opfer ein Vorbild auf den Tod Christi, in dem Er Befriedigung und Ruhe finden würde, und das gleichzeitig die Grundlage für eine ewige Ruhe bildet. So findet der Ausruf „Es ist vollbracht“ sein Echo in dem „Es ist geschehen“, das die Beschreibung des ewigen Zustands abschließt (Off 21,5.6).

Der Sabbat, der noch kommt

Einerseits kennen wir als Gläubige schon jetzt eine wunderbare Ruhe. Wir haben die Stimme des Herrn gehört: „Ich werde euch Ruhe geben“ (Mt 11,28). Das ist die unendlich wertvolle Ruhe des Gewissens. Aber unser Leben ist alles andere als ruhig. Wir haben Beruf, Familie, Verantwortung, Dienst etc., und wir wollen für den Herrn da sein und, wie Paulus den Korinthern schreibt, allezeit im Werk des Herrn überströmend sein (1. Kor 15,58). Selbst wenn Letzteres kaum in vollem Maß auf uns zutrifft, ist unser Leben kein Spaziergang. Die Bedingungen auf der Erde sind weit von einem Zustand wahrer Ruhe entfernt.

Diese Ruhe liegt noch in der Zukunft. Der Hebräerbrief verwendet fast ein ganzes Kapitel auf dieses Thema: Dem Volk Gottes steht die Sabbatruhe noch bevor (Heb 4,8.9). Die Ruhe, von der Gott gesprochen hatte, war noch nicht gekommen, weder als Israel ins Land Kanaan kam noch nach dem Christus sein Werk vollbracht hatte. Als der Brief geschrieben wurde, war diese Ruhe immer noch zukünftig. Und das ist sie noch heute.

Aber kommen wird sie, das steht fest. Und zwar sowohl für Gottes irdisches Volk als auch für die himmlischen Erlösten. Was Israel angeht, haben wir schon gesehen, dass Er sein Volk in das 1000-jährige Reich einführen wird. Der Augenblick wird kommen, wo Er auf sein Volk blickt und in seiner Liebe „schweigt“ oder ruht (Zeph 3,17, Fußnote). Aber auch für uns wird die Ruhe noch kommen (Heb. 4,8-11; Off 21,1).

Der Sabbat – ein Schatten

Dabei ist noch interessant, dass Gottes Wort die prophetische Bedeutung des Sabbats ausdrücklich in den Briefen bestätigt. Paulus nennt den Sabbat in einer Aufzählung von Dingen (Festtagen usw.), die „ein Schatten der zukünftigen Dinge“ sind (Kol 2,16.17). Dadurch wird die vorbildliche Bedeutung des Sabbats ausdrücklich bestätigt.

Der Sabbat und der Christ

Damit ist übrigens auch die Frage geklärt, ob Christen den Sabbat halten sollten. Manche haben übersehen, dass Christen „nicht unter Gesetz“ sind (Röm 6,14). Andere haben argumentiert, Christen sollten den Sabbat halten, weil dieser vor dem Gesetz eingeführt worden sei. Doch Paulus schrieb den Kolossern, sie sollten sich in dieser Hinsicht von niemandem „richten“ lassen. Der Sabbat war nur ein Schatten, sie dagegen hatten Christus, den „Körper“. Sie durften verstehen, dass der Sabbat ein Schatten der zukünftigen Ruhe ist.

Außerdem ist der Sabbat der Tag, an dem der Herr im Grab lag! Als Christen kennen wir den „Tag des Herrn“ (Off 1,10), den ersten Wochentag, den Tag der Auferstehung (Joh 20,1; Apg 20,7). Und dieser ist nicht etwa ein „christlicher Sabbat“ – so etwas gibt es überhaupt nicht -, sondern der Tag, der dem Herrn gehört und durch Ihn geprägt ist. Nicht selten ist er ein anstrengender Tag, der sehr mit Arbeit oder Aktivität für den Herrn ausgefüllt ist.

Der Sabbat ist irdisch (er hängt mit der Schöpfung und dem Gesetz zusammen), der erste Tag der Woche ist himmlisch (er hängt mit dem auferstandenen Christus zusammen).

Zusammenfassung:

Gott ruht erst, wenn alles „sehr gut“ ist. So war es schon bei der Schöpfung. Seinen Plan, den Menschen diese Ruhe genießen zu lassen, deutete Gott dadurch an, dass Er den Sabbat als Ruhetag einsetzte – aber erst nachdem das Volk Israel erlöst war. Am Sabbat brauchte das Volk kein Manna sammeln. Später wurde der Sabbat erstens im Gesetz verankert und zweitens zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel. Aber auf der Erde war schon längst nicht mehr alles „sehr gut“. Die Sünde hatte die Ruhe zerstört. Als Christus kam, heilte Er oft am Sabbat. Schließlich starb Er am Kreuz, damit Gott Menschen in seine Ruhe hineinbringen kann. Das wird im 1000-jährigen Reich geschehen. In der Zwischenzeit halten wir nicht etwa den Sabbat (den Schatten dieser zukünftigen Ruhe), sondern wir kennen den Tag des Herrn: den Tag der Auferstehung dessen, der im Tod die Grundlage dafür gelegt hat, dass Menschen tatsächlich einmal an der Ruhe Gottes teilhaben werden.

1 Es wird oft betont, dass wir erst nach der Erlösung des Volkes Israels davon lesen, dass ein Lied gesungen wurde (2. Mo 15). Weniger bekannt ist, dass es sich mit dem Sabbat ähnlich verhält. Erst nach der (im Vorbild) vollbrachten Erlösung konnten Menschen am Sabbat teilhaben (2. Mo 16).

Michael Hardt

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2017, Heft 6, Seite 5

Bibelstellen: 1. Mose 2,1; 2. Mose 16.19.20.31; 3. Mose 25; 4. Mose 15; 5. Mose 5,15; Hebräer 4,8.9

Stichwörter: Christ, Gesetz, Ruhe, Sabbat