Gemeinschaft im Verborgenen

Psalm 91

Wenn man sich in die Glückseligkeit dieses schönen Psalms hineindenken will, ist es wichtig, dass man seine Gliederung beachtet. Der erste Vers zeigt uns das Thema des Psalms – die Segnungen Dessen, der im Schutz (eigtl. im Verborgenen) des Höchsten sitzt.

Beim zweiten Vers wissen wir, dass hier Christus spricht, denn der Geist Gottes verwendet in Hebräer 2,13 die Aussage „Auf ihn will ich vertrauen“ als Sprache Christi. Er nimmt hier die Aussage von Vers 1 für sich an.

Haben wir dann in den Versen 3 bis 8 nicht das Zeugnis des Heiligen Geistes über die Segnungen für den, der in diesem Schirm sitzt?

In den folgenden Versen 9 bis 13 hören wir die Stimme eines Gottesfürchtigen, der den Herrn „meine Zuflucht“ nennt, wie er Zeugnis ablegt von der Glückseligkeit Jesu.

Schließlich endet der Psalm in den Versen 14 bis 16 mit dem Zeugnis des Herrn über die Segnungen, die das Teil des Einen sind, der im Verborgenen sitzt und dessen Liebe Gott gehört.

(V. 1.2): Was sollen wir nun unter diesem „Sitzen (Weilen, Wohnen) im Verborgenen“ verstehen, mit dem solcher Segen verbunden ist, wie es jede Äußerung dieses Psalms bezeugt? Redet es nicht – neutestamentlich gesprochen – vom inneren Leben der verborgenen Gemeinschaft mit den Personen der Gottheit? Beziehen sich die Worte des Herrn nicht auf dieses Leben, wenn Er sagt: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du kein Teil mit mir“, und später: „Bleibt in mir“? Stellt uns der Apostel Johannes nicht genau dieses verborgene Leben vor, wenn er schreibt: „Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (Joh 13,8; 15,4-7; 1. Joh 1,3)? Ein Teil mit Christus zu haben und in Ihm zu bleiben bedeutet, in Gemeinschaft mit Ihm zu leben, wo Er ist. Solch ein Leben zu leben heißt Weilen „im Verborgenen“.

Der Psalm spricht nicht vom äußeren Leben vor den Menschen, sondern vom inneren Leben im Verborgenen vor Gott. Er spricht auch nicht von gelegentlicher Gemeinschaft, sondern von einer ständigen Erfahrung der Seele, denn er spricht von einem, der „im Verborgenen weilt“. Wir wissen, dass es nur einen Menschen gab, der in dieser ununterbrochenen Gemeinschaft mit Gott lebte – den Menschen Christus Jesus, der, als Er auf der Erde war, von Sich reden konnte als vom „Sohn des Menschen, der im Himmel ist“ (Joh 3,13). Er ging Seinen Weg auf der Erde, aber Er lebte im Himmel. Und obwohl die Erfahrungen dieses Psalms in ihrer ganzen Fülle nur auf Christus zutreffen, sind sie doch ein vollkommenes Beispiel für den Gläubigen.

Das äußere Leben Christi auf der Erde, das durch vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Vater, Gnade gegenüber Sündern, Treue im Zeugnis, Heiligkeit im Wandel gekennzeichnet war, verbunden mit Sanftmut, Demut, Freundlichkeit und Liebe, war die Auswirkung Seines inneren Lebens in Gemeinschaft mit dem Vater. Bei dem geistlichsten Gläubigen wird ein solches Leben nur in gewissem Ausmaß vorhanden sein, aber Er lebte es in absoluter Vollkommenheit. Müssen wir nicht zugeben, dass wir vielleicht zu oft sehr um unser äußeres Leben vor den Menschen besorgt gewesen sind, aber nicht um das verborgene Leben, das nur Gott kennt? Führt nicht der Herr selbst den ganzen Verfall der Kirche unter Verantwortlichkeit auf ein Versagen in diesem inneren Leben zurück? Der Versammlung in Ephesus musste Er bei allem, was Er in ihrem äußeren Eifer und ihrer Ablehnung des Bösen gutheißen konnte, doch sagen: „Du bist gefallen.“ Dieser Fall wird zurückgeführt auf das Verlassen der ersten Liebe. Sie hatten aufgehört, dieses verborgene Leben der Gemeinschaft mit Christus zu leben.

In den Verheißungen für den Überwinder inmitten des Verfalls der Kirche wird uns Christus als „der Baum des Lebens“ und als „das verborgene Manna“ vorgestellt. Der Baum des Lebens zeigt uns Christus in der himmlischen Heimat – den Menschen in der Herrlichkeit. Beim verborgenen Manna denken wir an Christus auf Seinem Pfad auf der Erde – den vom Himmel Herabgekommenen. Fühlen wir uns im Hebräerbrief nicht an den Baum des Lebens erinnert, wenn wir lesen „hinschauend auf Jesus …, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes“? Und gleich danach werden wir erinnert an Christus als das verborgene Manna mit den Worten: „Betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat“ (Heb 12,2.3).

In diesem Psalm werden wir aufgefordert, Christus als das verborgene Manna zu betrachten – als den Einen, der als Fremder durch diese Welt ging, inmitten von Versuchungen und Gefahren, in ungebrochener Gemeinschaft mit Gott, und so Seine „Zuflucht“ und „Burg“ in Gott fand – eine Zuflucht vor jedem Sturm und einen Schutz vor jedem Feind.

(V. 3-8): Wenn wir dann fortfahren in der Betrachtung der Segnungen Dessen, der in der verborgenen Gemeinschaft mit Gott lebte, wie sie hier durch den Geist entfaltet werden, dann lernen wir Folgendes:

Erstens, dass ein solcher errettet werden wird „von der Schlinge des Vogelstellers und von der verderblichen Pest“. Ist die Schlinge nicht ein Bild von Bösem, das unter einem schönen Äußeren verborgen ist? Der Apostel Paulus warnt uns vor der Verführung durch „überredende Worte“ (Kol 2,4) und sagt uns, dass unter den christlichen Bekennern einige im Fallstrick des Teufels gefangen werden (2. Tim 2,26). Auch Petrus warnt uns davor, dass unter den Heiligen solche gefunden werden, „die Verderben bringende Sekten nebeneinführen werden“ (2. Pet 2,1). War es nicht eine „Schlinge“, der der Herr entgegentreten musste, als böse Menschen Ihn in Seiner Rede zu fangen suchten, mit Schmeichelei zu Ihm kamen und sagten: „Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; … sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit“? (Mk 12,14). War es nicht eine „verderbliche Pest“, der Er entgegentreten musste, als die Sadduzäer zu beweisen suchten, „es gebe keine Auferstehung“? (Mt 22,23-28). Im Einklang mit dem verborgenen Leben, das uns in diesem Psalm vorgestellt wird, beschreibt uns Petrus das verborgene Leben in Gottseligkeit als ein Bewahrungsmittel vor Schlingen und verderblicher Pest. Vielleicht denken wir, wir könnten den Schlingen und Irrlehren durch unsere eigene Intelligenz und Erkenntnis der Wahrheit entgehen. Aber wie bedeutend unsere Erkenntnis und unsere Gaben auch sein mögen, wenn wir nicht in verborgener Gemeinschaft sind – in Christus bleiben – dann können wir in alle nur denkbaren Schlingen geraten. Die Korinther mussten feststellen, dass, obwohl sie „alle Erkenntnis“ hatten, das nicht genügte, sie vor der verderblichen Irrlehre zu bewahren, die die Auferstehung leugnete.

Zweitens wird der, der in verborgener Gemeinschaft seinen Weg geht, durch das Wort Gottes vor jedem Angriff des Feindes bewahrt bleiben. Von ihm kann gesagt werden: „Seine Wahrheit ist Schild und Schutz.“ War das nicht auch beim Herrn so, als Er jeder Versuchung Satans mit den Worten begegnete „es steht geschrieben“? Mit den Worten eines anderen Psalms kann der Herr sagen: „Ich habe mich durch das Wort deiner Lippen bewahrt vor den Wegen des Gewalttätigen“ (Ps 17,4). Hüten wir uns vor dem Versuch, den Angriffen des Teufels mit menschlichen Argumenten zu begegnen. Irrtümern kann man nur mit der Wahrheit begegnen. Aber um die Wahrheit richtig zu gebrauchen, müssen wir in verborgener Gemeinschaft mit Gott leben.

Drittens kann dem, der in dieser verborgenen Gemeinschaft lebt, gesagt werden: „Du wirst dich nicht fürchten.“ Wir leben in einer Welt der Schrecken in der Nacht und der Gefahren am Tag; einer Welt, in der es heimliches Böses und verwüstende Zerstörung gibt. Obwohl wir mit alledem auf jeder Seite konfrontiert werden – wie der Text sagt „an deiner Seite“ und „an deiner Rechten“ – werden wir uns doch nicht fürchten, wenn wir in dieser verborgenen Gemeinschaft leben. Wir
werden in der Prüfung bewahrt werden, und wenn es
so weit ist, werden wir das Gericht Gottes über die Gesetzlosen gemäß Seiner Regierung erleben.

(V. 9-13): Im Weiteren werden wir durch das Zeugnis eines gottesfürchtigen Menschen daran erinnert, dass der Eine, der in verborgener Gemeinschaft weilt – der „den Herrn, den Höchsten, zu seiner Wohnung gesetzt hat“, seinen Weg durch diese Welt mit Geleitschutz von Engeln gehen und alles Böse überwinden wird. Auf jeder Etappe des Weges des Herrn dürfen wir die dienenden Engel sehen. Ein Engel verkündete einfachen Hirten Seine Geburt, und eine Menge der himmlischen Heerscharen vereinigte sich zu Seinem Lob (Lk 2,8-14). In der Wüste, als Er von Satan versucht wurde, dienten Ihm die Engel (Mk 1,13). Im ringenden Kampf in Gethsemane erschien Ihm ein Engel vom Himmel, der Ihn stärkte (Lk 22,43). An Seinem Grab wachte ein Engel des Herrn (Mt 28,2). Und in jener letzten Szene, die Seinen Pfad auf der Erde beschloss, als Er in den Himmel aufgenommen wurde, standen zwei Engel dabei (Apg 1,10). Auch für das Volk des Herrn gilt, dass Engel ausgesandt sind zum Dienst um derer willen, die die Seligkeit ererben sollen. Aber können wir nicht sagen, dass besonders der, der dem Beispiel des Herrn folgt und in verborgener Gemeinschaft mit Gott lebt, das Bewusstsein des göttlichen Schutzes haben wird und der Macht des Teufels widerstehen wird, sei es, als brüllendem Löwen, der umhergeht und sucht, wen er verschlinge (1. Pet 5,8), sei es als listiger Schlange (2. Kor 11,3) oder als verfolgendem Drachen (Off 12,3)? Wir lernen daher durch das vollkommene Beispiel Christi, dass, wenn wir in ständiger Gemeinschaft mit Gott durch diese Welt mit ihren Gefahren und Schrecken gehen, das Böse dieser Erde uns nicht überwältigen wird, die Heerscharen des Himmels über uns wachen werden und die Mächte der Hölle von uns niedergetreten werden.

(V. 14-16): Schließlich haben wir das Vorrecht, das Zeugnis Gottes selbst über Den zu hören, der in dieser Welt ein Leben der ungebrochenen Gemeinschaft aus Liebe zu Gott lebte. In Christus hat Gott endlich einen Menschen in den Umständen der Wüste gefunden, von dem Er sagen kann: „Er hat Wonne an mir“; „Er kennt meinen Namen“; „Er wird mich anrufen“. An diesem vollkommenen Menschen kann Gott Seine Freude finden, und auf Seine Vollkommenheiten hat Gott eine vollkommene Antwort, wenn Er sagt: „Ich will“ Ihn segnen. Wenn Gott sagt: „Ich will“, wer könnte da widersprechen? Und so hören wir, wie Gott von Christus sagt:

„Ich will Ihn erretten“ von jeder Schlinge;

„Ich will Ihn in Sicherheit setzen“, über jede Gewalt;

„Ich werde Ihm antworten“, wenn Er mich anruft;

„Ich werde bei Ihm sein“ in Schwierigkeiten;

„Ich werde Ihn befreien und Ihn verherrlichen“;

„Ich werde Ihn sättigen mit Länge des Lebens“ in der Herrlichkeit;

„Ich werde Ihn schauen lassen meine Rettung“ im kommenden Reich.

Das also ist die Glückseligkeit, die aus einem „Sitzen im Verborgenen“ und damit von einem inneren Leben der Gemeinschaft mit Gott hervorgeht. Wenn wir dem vollkommenen Beispiel des Herrn, vorgebildet in diesem Psalm, folgen wollen, müssen wir bereit sein,
unsere Füße in Seine Hände zu legen, damit alles das in unseren Gedanken und Worten, unserem Wandel und unseren Wegen, was die Gemeinschaft hindert, gerichtet und durch die Waschung mit Wasser durch das Wort
abgewaschen werden kann.

Lasst uns auf Seine Stimme hören: „Bleibt in mir“, und mit den Worten der Jünger antworten: „Bleibe bei uns, denn es ist gegen Abend, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Werden wir nicht, wenn wir Ihm die Tür unserer Herzen öffnen, etwas von der gesegneten Auswirkung Seiner Worte erfahren: „Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Offb 3,20)? Das ist der Weg zu der Glückseligkeit im Verborgenen.

H. S.

Einordnung: Ermunterung + Ermahnung, Jahrgang 2007, Heft 7, Seite 194

Bibelstellen: Ps 91