Die überwältigende Liebe des Christus

2. Korinther 5,14-17

In der Liebe Christi liegt etwas Bezwingendes – eine Kraft, die uns drängt. Dieses Drängen bewirkt bei uns die Bereitwilligkeit, Fortschritte zu machen und diese Liebe zu erwidern. Als Gläubige haben wir bereits die erbarmende Liebe Christi erfahren. Sie hat unsere Herzen berührt, und wir sind gläubig geworden, weil sie uns ergriffen hat. Wenn aber die Wahrheit des christlichen Glaubens von uns praktisch ausgelebt werden soll, dann ist es nötig, dass die überwältigende Liebe uns motiviert.

Als wir noch auf dem breiten Weg abwärts waren, in unseren Sünden und mit der ewigen Verdammnis vor uns, da hat diese erbarmende Liebe, die Ihn unsertwegen in den Tod gehen ließ, uns Einhalt geboten, so dass wir uns zu Seinen Füßen niederbeugten. Man muss sich fragen, ob uns das überwältigende Drängen dieser Liebe ebenso bekannt ist. Selbstverständlich wendet sich diese Frage nur an solche, die das Erbarmen dieser Liebe
bereits kennen. Dieses Erbarmen ist so in Beschlag nehmend, drängend und unterweisend, dass die erste Auswirkung der drängenden Liebe Christi darin besteht, dass unser Urteil in Übereinstimmung mit dem Urteil Gottes kommt.

Alles, was das Kreuz betrifft, ist mit dieser überwältigenden Liebe verbunden. Ihre erste Wirkung auf uns ist also, uns zu einem richtigen Urteil zu bringen. Darum lesen wir, dass „wir so geurteilt haben“. Haben wir ein richtiges Urteil über uns selbst? Wie neigen wir doch dazu, andere zu beurteilen; wie schnell nehmen wir den Platz des Kritikers ein! Aber wenn wir die überwältigende Liebe Christi kennen, beurteilen wir uns selbst.

Wie lautet nun dieses Urteil, dem wir uns anzuschließen haben? „Dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind [oder: waren]“ (V. 14). Gott sei Dank für das weite Ausmaß der Vorrechte und des Segens des Todes Christi; ja, „Er starb für alle“. Die Lehre hier ist, dass Sein Tod für alle beweist, dass alle tot waren. Das war der Zustand eines jeden; bei keinem gab es auch nur einen Funken von Leben gegenüber Gott. Das ist das Urteil, zu dem uns die Liebe Christi zwingt, dass das unser Zustand ist – wenn man einmal von Gottes machtvollem Eingreifen absieht.

Der Tod Christi für alle bringt uns nicht dorthin, sondern beweist, dass alle dort sind. Und wenn das wahr ist, dann ist das unser Zustand: tot. Sicher ist es gut für uns, wenn wir zu diesem Urteil gekommen sind. Die Liebe Christi bringt uns dahin, denn das ist der große Ausgangspunkt, von dem aus wir in den Belangen Gottes vorangehen können.

Denken wir übrigens an unsere Unzulänglichkeiten, dann sind sie großenteils eine Folge davon, dass wir nur zögerlich Gottes Urteil über uns annehmen. Das betont der Galaterbrief. Dort sagt der Apostel Paulus: „Ich bin mit Christus gekreuzigt“ (Gal 2,19). Hier willigt er unter der überwältigenden Liebe Christi ein in Gottes Urteil über ihn. Und weiter sagt er im selben Brief: „Von mir aber sei es fern, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Kap. 6,14). Die Welt, wie sie hier erwähnt wird, ist nicht die unmoralische, befleckte Welt heidnischer Finsternis. Es ist die religiöse Welt, wo der religiöse Mensch „den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt worden ist, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat“ (Heb 10,29).

Diese Welt und ihre Menschen sind am Kreuz unter das Urteil Gottes gekommen. Es geht um diesen Charakter der Welt, die religiös ist, aber das Urteil Gottes zurückweist und folglich ohne die Kraft Gottes ist, ohne die Liebe Gottes und ohne den anziehenden und errettenden Mittelpunkt: den Christus Gottes, der in der Herrlichkeit Gottes ist. „Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist“ (2. Kor 5,15).

In dieser Welt geistlichen und moralischen Todes ist eine Kraft wirksam gewesen, aufgrund deren es solche gibt, die leben. Wie reich ist das Erbarmen Gottes, das Seine Leben spendende Kraft lenkte; möchten unsere Seelen sich doch mehr in die Kenntnis davon vertiefen! Einige der lieblichsten Gesänge in der Schrift sind entstanden durch Heilige, die in ihrer Seele ein umfassendes Empfinden vom Erbarmen Gottes hatten. Dieses Erbarmen und die Macht Gottes, vereint mit der Liebe Christi, sind also zu unseren Gunsten wirksam gewesen. Christus, „der letzte Adam“, ist ein lebendig machender Geist, und als solcher ist Er das Haupt einer neuen Schöpfung. Dadurch teilt Er denen Leben mit, die einst hemmungslos in der moralischen Abwendung von Gott und in Auflehnung gegen Ihn lebten. Jetzt ist da, wo alle tot waren, Leben eingeführt worden – dort gibt es solche, die leben.

Als Folge davon besteht ein anderes segensreiches Ergebnis der überwältigenden Liebe Gottes darin, dass sie „Ihm leben“, also für Ihn. Daher sagt der Apostel in Philipper 1,21: „Das Leben ist für mich Christus.“ Der Eine, der ihn liebte, war das bestimmende Element in seinem Leben. Wo diese bezwingende Liebe gekannt ist, da gibt es Befreiung von aller Beschäftigung mit sich selbst. Der Christ, der im Anziehungsbereich dieser „die Erkenntnis übersteigenden Liebe“ lebt, hat Christus zum Mittelpunkt. Hier werden wir alle, vom Jüngsten bis zum Ältesten, auf die Probe gestellt. Geht es bei uns um das Ich oder um Christus?

Wenn wir von Seiner unsterblichen Liebe dahin gebracht worden sind, die Wahrheit vom Kreuz auf uns selbst anzuwenden, dann werden wir ebenso dahin gezogen, in Ihm einen Mittelpunkt außerhalb von uns selbst zu finden: Einen, der so über uns verfügt, uns so in Anspruch nimmt, dass wir nicht umhinkönnen, „Ihm zu leben“. Wir werden die Freiheit und Ursprünglichkeit einer Liebe erleben, die Seine Liebe erwidert. Wir werden nicht lieben, weil wir sollten, und nicht dienen, weil es uns zukommt. Hier gibt es keine gesetzliche, erzwungene Knechtschaft. Wir werden lieben, wir werden dienen, wir werden „Ihm leben“, weil wir gar nicht anders wollen. Das Bezwingende an Seiner Liebe, das uns einerseits auf die unterste Stufe erniedrigt, segnet uns derart, dass wir Ihm gegenüber darauf reagieren wie die Blüte, die sich der aufgehenden Sonne öffnet.

An anderer Stelle legt die Schrift den Nachdruck auf den Gedanken „mit Ihm“; hier müssen wir die Worte „Ihm“ = „für Ihn“ betonen. Am Anfang des Buches der Offenbarung wird ein Lobgesang von einem Leibeigenen Jesu Christi auf der Insel Patmos angestimmt: „Dem, der uns liebt …“ Christus war der Mittelpunkt seines Denkens; er lobsang überwältigt von der Liebe Christi.

Wir haben keine Verbesserung der Umstände nötig, um Ihn zum Mittelpunkt unseres Denkens zu haben. Vielleicht meinen wir manchmal, wir könnten bessere Christen sein, wenn unsere Umstände verbessert würden. Das ist zu bezweifeln. Wir sind nämlich genau in den Umständen, die Gott für uns angeordnet hat und in denen Er für sich selbst das Allerbeste hervorzubringen beabsichtigt. Was auch immer unser gegenwärtiges Los ist – körperliche Schwäche, Unglück, Kummer, Sorge oder Versuchung – wir können trotzdem im Genuss der überwältigenden und unfehlbaren Liebe Christi „Ihm“ unseren Lobgesang darbringen. In Psalm 4,2 lesen wir: „In Bedrängnis hast du mir Raum gemacht.“ Wir können überzeugt sein, dass in allen Umständen die überwältigende Liebe Christi, wenn die Seele sie kennt, den Gläubigen befähigt, sich darüber zu erheben, weil er im Bereich der Anziehung des lebenden, liebenden Christus gehalten wird, der über allem ist und jede Situation beherrscht.

„… dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist.“ Ist das nicht Grund genug für uns, „Ihm zu leben“? Was für ein mächtiger Antrieb, der uns in Hingabe unseres Herzens und unseres Lebens zu Ihm hin bewegt: Er starb für uns. Er kam in Liebe ganz herab unter alles, was wir waren, ja Er kam herab auf den allertiefsten Grund, denn „Er wurde für uns zur Sünde gemacht“.

All das geschah, damit Er uns in Seiner segensreichen Gegenwart ganz nach oben bringen konnte. Sein Tod schloss die Tür zur gegenwärtigen bösen Welt – jenem System, das in allem im Widerspruch zu Gott steht -, und Seine Auferstehung hat die Tür zur neuen Schöpfung geöffnet. Wie weit kennen wir die praktische Verwirklichung dieser Tatsachen? Das Drängen Seiner Liebe wird uns von derselben Welt trennen, in der Er starb, und uns zugleich befähigen, Ihn darin darzustellen. Christus, auferstanden aus dem Tod, der Anziehungspunkt unserer Herzen, führt uns in die Gemeinschaft mit sich selbst in der Freude und Glückseligkeit jener neuen Schöpfung. Deren Licht und Herrlichkeit leuchten im Angesicht Dessen, der uns liebt, der für uns starb und auferweckt wurde. Seine Liebe ist es, die „uns drängt“.

N. Anderson

Einordnung: Ermunterung + Ermahnung, Jahrgang 2011, Heft 3, Seite 72

Bibelstellen: 2Kor 5, 14-17