Das Konzil zu Jerusalem

(Fortsetzung von Seite 352)

Urteil und Empfehlung von Jakobus

Nachdem er das Wort Gottes hat reden lassen, dem sich jeder zu beugen hat, gibt Jakobus sein Urteil in dieser Sache und spricht zugleich eine Empfehlung an die Versammlung aus.

„Deshalb urteile ich, dass man denen, die sich von den Nationen zu Gott bekehren, keine Schwierigkeiten mache, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Hurerei und vom Erstickten und vom Blut. Denn Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, da er an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird“ (Apg 15,19-21).

Es ist aufschlussreich, wie Jakobus die Gläubigen aus den Nationen beschreibt: „Die, die sich von den Nationen zu Gott bekehren.“ In der Tat, einst gehörten sie zu den Nationen, die in Gottesferne und Götzendienst lebten. Jetzt aber hatten sie sich (von ihnen weg) zu Gott bekehrt und damit aufgehört, „von den Nationen“ zu sein. Sie waren Christen geworden, Anbeter des wahren Gottes. Ähnliches wird etwas später von den Thessalonichern gesagt, die sich „von den Götzenbildern zu Gott bekehrt“ hatten, um „dem lebendigen und wahren Gott zu dienen“ (1. Thes 1,9).

Das Urteil von Jakobus im Blick auf diese von den Nationen Bekehrten ist eindeutig und weise: Man sollte ihnen, was ihren christlichen Weg anbetrifft, „keine Schwierigkeiten machen“ oder sie „nicht beunruhigen“, wie man auch übersetzen kann. Er betrachtet die von der Sekte der Pharisäer als solche, die diese Christen unberechtigt in Unruhe versetzten. Auf diese deutliche und doch milde Weise spricht Jakobus sein ablehnendes Urteil über alle Bemühungen der judaisierenden Lehrer aus.

Und dann gibt er die Empfehlung, den aus den Nationen kommenden Gläubigen zu schreiben, sich von vier Stücken zu enthalten: von den Verunreinigungen der Götzen, von der Hurerei, vom Erstickten und vom Blut. Ihre heidnische Herkunft und ihr bisheriges Leben in der Unreinheit der heidnischen Welt ließen diesen väterlichen Rat als notwendig erscheinen. Es war tatsächlich ein Rat, eine Anregung, nicht eine apostolische Anordnung. In Vers 22 sehen wir dann auch, dass die ganze Versammlung handelt. Wir müssen diese vier Stücke nicht als sittlichen Codex, als Zusammenfassung wahren Christentums ansehen, wozu wir manchmal neigen. Echtes Christentum umfasst unendlich mehr, Gott sei Dank! Doch in Anbetracht ihres bisherigen Lebens und ihrer neuen Stellung in Christus waren es für die aus den Heiden kommenden Christen „notwendige Dinge“ (V. 28). Dass sie auch für uns eine „Stimme“ haben, werden wir sogleich sehen.

Götzendienst, Hurerei, das Essen von Blut (sei es direkt oder bei Ersticktem) wurden schon lange vor dem Gesetz als böse verurteilt. Wenn die Warnungen davor später auch im Gesetz Moses ihren Niederschlag fanden, so unterstreicht das nur die Bedeutung dieser Dinge. Das ändert jedoch nichts daran, dass Gott dem Menschen als Seinem Geschöpf von Anbeginn an sittliche Anforderungen auferlegte, die Er von ihnen zu jeder Zeit eingehalten sehen will.

Man hat Jakobus unterstellt, er nehme bei der Nennung der vier Stücke nun doch seine Zuflucht zum Gesetz. Nein. Er zitiert nicht das Gesetz. Seine Warnungen gründen sich viel mehr auf die Schöpfungsordnung Gottes, die zeitlos für die ganze menschliche Familie verbindlich ist. Was immer Gottes Wort den Menschen als Menschen gesagt und nicht aufgehoben hat, behält seine Gültigkeit und muss befolgt werden.

Wenn nun zuerst von „Verunreinigungen der Götzen“ gesprochen wird, so nimmt das nicht direkt auf Götzendienst Bezug, sondern auf Verunreinigungen, die durch das Essen von Götzenopfern entstehen (vgl. „enthalten von Götzenopfern“ in V. 29). Wir sehen das bei Daniel, der sich in seinem Herzen vornahm, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen (Dan 1,8). Er wusste, dass das, was auf die Tafel des Königs kam, zuvor den Götzen geopfert worden war.

Und dann haben wir das demütigende, nicht nachahmenswerte Beispiel der Gläubigen in Korinth. Sie wussten, „dass ein Götzenbild nichts ist in der Welt und dass kein Gott ist als nur einer“ (1. Kor 8,4). Darin hatten sie Recht. Aber sie meinten, dass ihnen dieses Wissen die Freiheit gebe, Götzenopfer zu essen, ja, es im Götzentempel selbst zu tun. Darin irrten sie. Denn der falsche Gebrauch der christlichen Freiheit konnte ihren schwächeren Brüdern zum Schaden sein (vgl. Kap. 8,9-11). Und noch etwas hatten sie übersehen: dass hinter den Götzenopfern Dämonen standen, mit denen sie in Kontakt kamen, wenn sie in den Tempel gingen und dort Götzenopfer aßen. Der Apostel musste ihnen deshalb die ernste Ermahnung zurufen: „Flieht den Götzendienst“ (vgl. Kap. 10,14-22). Wenn wir es auch heute in unseren westlichen Ländern nicht mehr direkt mit Götzenopfern zu tun haben, so bleiben doch die göttlichen Grundsätze in ihrer übertragenen Bedeutung bestehen. Wir müssen lernen, sie auf unsere Verbindungen, seien sie religiöser oder anderer Art, anzuwenden. Der weiseste Weg ist immer der, sich von allem Zweifelhaften fernzuhalten.

Als Nächstes warnt Jakobus vor der Hurerei. Hier können wir uns kurz fassen. Dies aber sei gesagt: Bestünde nicht die Gefahr, wir brauchten die Ermahnung „Flieht die Hurerei!“ nicht (1. Kor 6,18). Zum Wohl der ganzen Menschheit hat Gott schon im Garten Eden die Ehe eingesetzt und damit ein Bollwerk gegen die Hurerei geschaffen (Kap. 7,2). „Die Ehe sei geehrt in allem und das Ehebett unbefleckt; denn Hurer und Ehebrecher wird Gott richten“ (Heb 13,4). Heute ist die Welt voller Unzucht und Hurerei. Aber ist es nicht erschreckend, dass bereits in einer der frühen Versammlungen Kleinasiens, in Pergamus, beides vorhanden war: Götzenopfer und Hurerei (Off 2,14) – gerade die Dinge, die wir fliehen sollen?

Das Enthalten vom Erstickten und vom Blut können wir zusammenfassend betrachten, da beides eine Frage des Blutes ist. Ein Tier, das nicht geschlachtet, sondern in einer Schlinge gefangen oder durch Erdrosseln getötet wird, hat noch Blut in sich. Solch ein Tier zu essen bedeutet, Blut zu essen. Das aber ist nicht allein ein Verstoß gegen das Gesetz, das dergleichen unter Strafe stellte (3. Mo 17,10-12), sondern eine Missachtung des Gebots, das Gott bereits Noah und seinen Söhnen direkt nach der Flut gegeben hatte (1. Mo 9,4). Nächst dem „grünen Kraut“ gab Er nun dem Menschen auch „alles, was sich regt, was da lebt“ zur Speise, also alle Tiere. „Nur das Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen.“ Das ist das eherne Zeugnis davon, dass das Leben Gott gehört, Ihm allein.

Es ist verwunderlich, wie leichtfertig zuweilen selbst ernste Christen mit der uns jetzt beschäftigenden Anordnung des Schöpfers umgehen. Zum Teil meinen sie, dass sie für sie nicht mehr gelte, weil sie nicht mehr unter Gesetz stehen. Wie unhaltbar dieses Argument ist, haben wir gesehen. Andere haben sich darüber noch kaum Gedanken gemacht. „Dem Reinen ist alles rein“, zitieren sie
(Tit 1,15). Gewiss, „jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird“ (1. Tim 4,4). Aber es gibt diese eine Ausnahme.

Das Gebot für den Menschen, kein Blut zu essen, ist in drei Epochen der Menschheitsgeschichte gegeben oder bestätigt worden: vor dem Gesetz, unter Gesetz und unter Gnade. Hier in der Apostelgeschichte haben wir durch Jakobus die dritte Erinnerung an den Fortbestand des Gebots: „… dass sie sich enthalten … vom Erstickten und vom Blut.“ Ob wohl jedem Leser klar geworden ist, dass auch das Essen von Blutwurst darunter fällt?

Den Gläubigen aus den Nationen wurde also kein gesetzliches Joch auferlegt. Unter Beachtung der vier Stücke konnten und sollten sie sich ungehindert und uneingeschränkt der Freiheit des Evangeliums erfreuen. Was indes das Gesetz anging, so wurde seine Stimme seit Generationen in den Synagogen Sabbat für Sabbat vernommen. Und wenn Juden das Gesetz Moses predigten, so genügte das. Für die Versammlung bestand und besteht kein Anlass, in dieser Richtung tätig zu sein.

Die Beschlussfassung des Konzils

Die Apostel und Ältesten in Jerusalem hatten sich versammelt gehabt, um die Angelegenheit, die uns beschäftigt, zu besehen (V. 6). Drei Schritte hatten unter der sichtbaren Leitung des Geistes Gottes zur Lösung der Kontroverse beigetragen. Erstens war durch das Zeugnis von Petrus im Blick auf das, was Gott an Kornelius und seinem Haus getan hatte, den Gegnern jede Grundlage für ihre Thesen entzogen worden. Zweitens hatte der Bericht von Barnabas und Paulus das Wirken Gottes unter den Nationen unzweideutig bestätigt. Und als Drittes war die Stimme der Heiligen Schrift zu diesem Fall durch Jakobus zu Gehör gebracht worden. Was Gott gesagt hatte, war naturgemäß mit dem, was Er getan hatte, in voller Übereinstimmung. Übereinstimmung war es denn auch und Einmütigkeit, die die Teilnehmer der Konferenz in dem, was sie jetzt unternahmen, auf liebliche Weise auszeichneten.

Die Wahl einer Gesandtschaft

„Dann schien es den Aposteln und den Ältesten samt der ganzen Versammlung gut, Männer aus sich zu
erwählen und sie mit Paulus und Barnabas nach Antiochien zu senden: Judas, genannt Barsabbas, und Silas, Männer, die Führer unter den Brüdern waren“ (Apg 15,22).

Als Erstes fällt auf, dass, was den zu fassenden Beschluss angeht, keine Wahl oder Abstimmung seitens der Versammlung stattfand: Ging es doch einzig und allein darum, den Willen Gottes zu erfahren und zu tun, und da gibt es keine wählbaren Alternativen. Vielmehr kamen alle – die Apostel, die Ältesten, die ganze Versammlung – unter dem Einfluss des Heiligen Geistes zur Einmütigkeit im Blick auf das, was zum Ausdruck gebracht worden war. Auf Dreierlei erstreckte sich die Zustimmung der Versammelten: auf das Urteil und die Empfehlung von Jakobus; auf die Aussendung einer Gesandtschaft nach Antiochien mit einem Brief, der den Beschluss enthielt; auf die Wahl von Judas und Silas als Glieder der Abordnung und als Begleiter von Paulus und Barnabas auf deren Rückreise.

Was für ein Triumph des Wirkens Gottes! Eine Gesandtschaft war von Antiochien nach Jerusalem ge-kommen. Eine zweite Gesandtschaft wurde nun von
Jerusalem nach Antiochien geschickt. Beide verschmolzen indes, was Gesinnung und Absicht angeht, zu einer Einheit. In der Tat war es eine einzige Delegation, die nach Antiochien reiste und dort den Brief übergab.

Über Judas wissen wir nur das, was hier gesagt wird: dass er zu den führenden Brüdern in Jerusalem gehörte. Weil als Beiname „Barsabbas“ angegeben wird, vermutet man in ihm einen Bruder des in Kapitel 1 erwähnten
„Joseph Barsabbas“ (V. 23).

Auch Silas gehörte zu den Führern unter den Brüdern. Dank seiner Nähe zum Apostel Paulus ist uns von ihm mehr bekannt. Die lateinische Form des hebräischen „Silas“ lautet „Silvanus“. Diese Form benutzt Paulus in seinen Briefen, wenn er von diesem geschätzten Mitarbeiter spricht. Auch Petrus erwähnt am Ende seines ersten Briefes „Silvanus“.

Der Ausdruck „Führer (wörtlich: Führende) unter den Brüdern“ erregt unser Interesse. Gott erweckte in Seiner Gnade bereits in der frühen apostolischen Kirche Männer, die in Wort und Lehre die anderen anleiteten oder führten. In Vers 32 werden Judas und Silas denn auch als Propheten bezeichnet; und es wird gesagt, dass sie die Brüder mit vielen Worten ermunterten und stärkten. Es ist also nicht an Älteste zu denken, deren Dienst im Aufsichtführen und Vorstehen besteht.

Im Brief an die Hebräer wird im letzten Kapitel ebenfalls von „Führern“ (oder „Führenden“) gesprochen, im Ganzen dreimal. In Vers 7 ist offensichtlich von heimgegangenen Führern die Rede. Die beiden anderen Vorkommen setzen sie als noch lebend voraus (V. 17.24). Entsprechend dem Dienst von Judas und Silas werden die Führer in der ersten Stelle gleichermaßen als solche charakterisiert, „die das Wort Gottes zu euch geredet haben“.

Was für ein Segen, solche Männer in der Mitte der Heiligen zu haben, damals wie heute! Nur scheel sehende und missgünstige Leute können im Vorhandensein von Führern einen Fehler ausmachen. Keineswegs wird durch sie, wie behauptet, der Gedanke der Bruderschaft in Mitleidenschaft gezogen. „Ihr alle aber seid Brüder“ (Mt 23,8), das bleibt bestehen, ob es um Führende oder Geführte geht. Es war und ist der Wille Gottes, die Gläubigen nicht nur von Sich selbst, sondern in mehr als einem Sinn auch voneinander abhängig zu machen. Man lese einmal unter diesem Blickwinkel
das zwölfte Kapitel des ersten Korintherbriefes. Welch kostbare Freiheit zur Ausübung der verschiedenen Gaben besteht in der Versammlung Gottes, wenn dem Heiligen Geist Raum gegeben wird! Der Ausdruck „Führer unter den Brüdern“ gibt uns einen ersten Eindruck davon.

(Schluss folgt) Ch. Briem

Einordnung: Ermunterung + Ermahnung, Jahrgang 2013, Heft 12, Seite 376

Bibelstellen: Apg 15,19-22