Die Versammlung Gottes

Vieles ist über das Thema Versammlung Gottes schon geschrieben und gesagt worden. Dennoch ist es vielleicht gut, noch einmal in einfacher Form einige wichtige Grundgedanken zu diesem Thema kurz vorzustellen.

Der Begriff Versammlung

Versammlung ist die deutsche Wiedergabe des griechischen Wortes ekklesia (andere übersetzen mit Gemeinde oder Kirche). Wörtlich übersetzt bedeutet das: die Herausgerufene. Es handelt sich um Menschen, die Gott aus der Welt herausruft. Es sind Menschen, die eine innere Lebensbeziehung zum Herrn Jesus haben. Das ist ihre Beziehung nach oben. Der Herr Jesus ist nicht nur ihr Heiland, sondern Er ist auch ihr Herr und ihr Haupt. So kennt Ihn jedes Kind Gottes. Gleichzeitig sind solche Menschen aber auch miteinander verbunden. Sie bilden gemeinsam die Versammlung Gottes. Diese besteht in ihrem ewigen Aspekt aus allen Gläubigen vom Pfingsttag an bis zur Entrückung. Jeder, der Leben aus Gott hat und mit dem Heiligen Geist versiegelt ist, gehört dazu.

Zur Versammlung Gottes zu gehören ist ein gemeinsamer Segen. „Versammlung“ können wir nur gemeinsam sein. Kein Kind Gottes kann „Versammlung“ für sich allein sein. Wir brauchen unsere Geschwister. Wir sind mit allen Gläubigen verbunden. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, die Versammlung Gottes sei eine Art Zusammenschluss gleich gesinnter Gläubiger. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass nur solche zur Versammlung Gottes gehören, die sich in einem bestimmten Raum versammeln, eine bestimmte Lehre festhalten oder vielleicht ihren Platz am Tisch des Herrn einnehmen. Die Versammlung Gottes ist kein Verein. Sie ist keine Organisation. Sie ist lebendiger Organismus. Alle Gläubigen zusammen bilden das Haus Gottes, das aus lebendigen Steinen besteht (Mt 16,18; 1. Pet 2,5). Alle Gläubigen zusammen bilden den Leib Christi. Ihren Anfang nahm die Versammlung, als der Heilige Geist auf die Erde kam und die Gläubigen zu einem Leib taufte (Apg 2,1-4; 1. Kor 12,13).

Ein Verein kann darüber entscheiden, wen er als Mitglied aufnimmt und wen nicht. Das ist in der Versammlung Gottes ganz anders. Nicht wir entscheiden, wer dazu gehört, sondern der Herr fügt durch den Heiligen Geist zu der Versammlung hinzu. Deshalb gibt es in der Versammlung auch keine Mitglieder. Es gibt nur Glieder am Leib Christi.

Wir müssen menschliche Vorstellungen und Meinungen an die Seite zu schieben. Sie decken sich nicht mit dem, was uns das Neue Testament lehrt. Wichtig ist, dass wir die Sichtweise Gottes über seine Versammlung zu unserer eigenen machen.

Der Wert der Versammlung

Über die Versammlung Gottes sollten wir nicht gering denken. Sie hat in Gottes Augen einen sehr hohen Wert. Wir erinnern an ein Wort des Herrn Jesus selbst, der sagte: „Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie“ (Mt 13,45.46).

Dies ist – ohne dass das Wort selbst gebraucht wird – der erste direkte Hinweis im Neuen Testament auf die Versammlung. Der Kaufmann ist ein Bild des Herrn Jesus. Die Perle zeigt uns die Versammlung. Eine Perle ist der Inbegriff von etwas, was sehr wertvoll ist. In dem Gleichnis verkaufte der Kaufmann alles, was er hatte, um sie zu besitzen. Der Herr Jesus tat noch mehr: Er gab sich selbst für die Versammlung am Kreuz auf Golgatha. Das zeigt uns deutlich, was für einen hohen Wert die Versammlung in Seinen Augen haben muss. Wir erfreuen uns zu Recht an dem Gedanken, dass Er jeden von uns persönlich geliebt hat (Gal 2,20). Aber wir wollen nicht vergessen, dass Er auch die Versammlung geliebt hat. Ihr Wert ist unendlich hoch.

Das Neue Testament zeigt uns, dass alle Personen der Gottheit ein hohes Interesse an der Versammlung haben. Von Gott lesen wir, dass Er Sich die Versammlung erworben hat durch das Blut Seines Eigenen (Apg 20,28). Von Christus lesen wir, dass Er sich für die Versammlung hingegeben hat (Eph 5,25). Von dem Heiligen Geist lesen wir, dass die Versammlung durch Sein Kommen auf die Erde ihren Anfang nahm und dass die Versammlung Seine Wohnstätte ist (1. Kor 12,13; Eph 2,22).

Die Frage an uns lautet, ob wir uns im praktischen Versammlungsleben immer bewusst sind, was für einen Wert die Versammlung hat.

Die Bestimmung der Versammlung

Die Perle zeigt einerseits den Wert der Versammlung. Gleichzeitig deutet das Bild der Perle aber auch an, dass Gott ein bestimmtes Ziel mit Seiner Versammlung hat. So wie eine Perle den Glanz des Lichtes widerspiegelt, soll durch die Versammlung die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werden, nach dem ewigen Vorsatz (Eph 3,10.11). Das gilt für Gegenwart und Zukunft.

Schon heute möchte Gott durch das Wirken Seines Geistes in der Versammlung erreichen, dass Er in der Versammlung verherrlicht wird in Christus Jesus (Eph 3,21). Die Versammlung ist – das sage ich mit aller Ehrfurcht – das Instrument, durch das Gott Seinen Sohn verherrlichen möchte. Es ist die Braut, die Gott Ihm gibt, an der Er jetzt und ewig Seine Freude haben möchte. Aber Gott möchte auch, dass heute schon etwas durch die Versammlung sichtbar gemacht wird, was zur Ehre Gottes ist. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Gläubige sich in der gegenwärtigen Zeit so versammeln, wie Er es haben möchte.

In der Darstellung dessen, was Versammlung Gottes ist, machen wir Menschen viele Fehler. Aber das Vollkommene kommt sicher. Wenn wir an die Zukunft denken, dann freuen wir uns auf den Augenblick, wenn der Herr Jesus sich selbst die Versammlung verherrlicht darstellt, „die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph 5,27). Dann wird wahr werden, was der Apostel Johannes bereits sehen konnte, als ihm die heilige Stadt Jerusalem gezeigt wurde, die aus dem Himmel herniederkam: „Sie hatte die Herrlichkeit Gottes“ (Off 21,11). Das ist die großartige Bestimmung Gottes für Seine Versammlung, die ganz sicher einmal erreicht werden wird.

Es ist gut, wenn wir diese Bestimmung immer fest im Auge behalten. Es wird uns motivieren, jetzt schon in der Zeit dafür zu sorgen, uns so zu verhalten, wie es der Ehre und der Herrlichkeit Gottes entspricht.

Die Einheit der Versammlung

Die Perle deutet noch einen weiteren Gedanken an, den das Neue Testament sehr unterstreicht. Es ist die Einheit der Versammlung Gottes. Es gibt nur eine Versammlung Gottes. Einen Edelstein kann man teilen, ohne dass er seinen Wert verliert. Die einzelnen Teile eines Edelsteins strahlen immer noch das Licht ab, das auf sie fällt. Eine Perle hingegen kann man nicht teilen, ohne sie zu zerstören.

Die Einheit der Versammlung ist eine Wahrheit, die wir sehr unterstreichen wollen. Es ist eine Einheit, die ihre Grundlage in dem Werk des Herrn am Kreuz findet und durch den Heiligen Geist zustande gebracht wird. Eine solche Einheit der Gläubigen gab es im Alten Testament nicht. Es gab wohl eine nationale Einheit des irdischen Volkes Gottes, zu dem alle Nachkommen Abrahams gehörten. Aber das war eine äußere Einheit. Eine innere Verbindung wie heute in der Versammlung Gottes gab es nicht.

Der Lehre nach wird uns die Einheit der Versammlung in den Briefen ausführlich erklärt – speziell in den Belehrungen von Paulus. Was die praktische Verwirklichung dieser Einheit betrifft, finden wir viele deutliche Hinweise in der Apostelgeschichte. Dort lernen wir, wie die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren. Aber schon die Evangelien stellen diesen grundlegenden Gedanken vor. In Johannes 11,52 lesen wir, dass der Herr Jesus nicht nur für die jüdische Nation sterben würde, sondern damit Er durch Seinen Tod „die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“. Diese Aussage ist eine sehr bemerkenswerte Ergänzung des inspirierten Schreibers Johannes zu den Worten des ungläubigen Hohenpriesters Kajaphas.

Die im Neuen Testament gebrauchten Bilder von der Versammlung unterstützen den Gedanken der Einheit. Es gibt nur ein Haus Gottes, in dem Er wohnt. Es gibt nur eine Braut, die der Herr Jesus liebt. Und gerade das Bild des Leibes unterstreicht den Gedanken der Einheit ganz besonders. Es gibt nur einen Leib. Ein geteilter Leib wäre kein funktionierender Leib. Römer 12,5 sagt klar, dass wir, die Vielen, ein Leib sind in Christus. In 1. Korinther 12,12.13 schreibt Paulus, dass wir alle in einem Geist zu einem Leib getauft worden sind. Epheser 4,4 macht klar, dass da ein Leib ist, und Kolosser 3,15 spricht davon, dass wir in einem Leib berufen sind. Dokumentiert wird diese Einheit übrigens, wenn wir am Tisch des Herrn das Brot brechen (1. Kor 10,17).

Für uns ergibt sich aus dem Gesagten eine zweifache Konsequenz: Erstens wollen wir uns prüfen, ob wir ebenfalls diesen Blickwinkel auf die Versammlung Gottes haben. Auch wenn von der Einheit in der Praxis leider wenig – oder manchmal gar nichts – zu sehen ist, bleibt sie in den Augen Gottes dennoch bestehen. Zweitens soll die Wahrheit von der Einheit der Versammlung unser praktisches Verhalten prägen. Wir wollen uns gemeinsam befleißigen, „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ (Eph 4,3). Sie ist unserem Herrn sehr viel wert.

Der Eigentümer der Versammlung

Die Frage nach dem Eigentümer der Versammlung ist nicht schwer zu beantworten. Wenn Gott Seinen Sohn für die Versammlung gegeben hat, dann kann die Versammlung nur Ihm gehören. In Apostelgeschichte 20,28 sagt Paulus ausdrücklich, dass Gott sich die Versammlung erworben hat durch das Blut Seines Eigenen. Gott wollte etwas für sich selbst haben. Das Gleiche gilt für Christus. So spricht das Neue Testament auch von der Versammlung des lebendigen Gottes (1. Tim 3,15), von der Behausung Gottes (Eph 2,22), von dem Leib Christi (Eph 1,23) sowie von der Braut und der Frau des Lammes (Off 21,9). Ausdrücke wie „Versammlung der Thessalonicher“ (1. Thes 1,1) oder „Versammlung der Laodizeer“ (Kol 4,16) bilden dazu keinen Widerspruch. In diesen Versen geht es nicht um den Eigentümer der Versammlung, sondern um diejenigen, die damals die Versammlung an einem bestimmten Ort bildeten.

Aus der Tatsache, dass die Versammlung nicht uns, sondern Ihm gehört, ergeben sich für uns wiederum praktische Konsequenzen, die wir gut bedenken wollen. Wenn es Seine Versammlung ist, dann legt Er auch fest, wie wir uns in dieser Versammlung zu verhalten haben. Im Haus Gottes gilt keine menschliche Hausordnung, sondern Seine Hausordnung. Paulus schreibt an Timotheus: „… damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim 3,15). Das bedeutet unter anderem auch, dass nicht wir bestimmen, wie die Versammlungsstunden ablaufen, sondern dass wir uns der Leitung des Heiligen Geistes unterstellen.

Der Charakter der Versammlung

Die Versammlung wird auf der Erde gebildet. Aber sie hat einen durch und durch himmlischen Charakter. Im Alten Testament gab es ebenfalls ein Volk Gottes. Es war ein irdisches Volk mit einer irdischen Bestimmung. Die Versammlung hingegen ist ein himmlisches Volk mit einer himmlischen Bestimmung und mit himmlischen Segnungen. Epheser 2 macht deutlich, dass Juden und Heiden zusammen jetzt diese Versammlung bilden. Wir bilden den „neuen Menschen“ (Eph 2,15). Dieser „neue Mensch“ ist zwar noch auf dieser Erde, er gehört aber zum Himmel.

In Epheser 3 wird das noch deutlicher. In Vers 6 heißt es: „… dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.“ Diese Aussage unterstreicht den himmlischen Charakter der Versammlung. Wir sind erstens Miterben, das heißt, wir erben mit Christus. Alles das, was Gott Ihm als verherrlichten Menschen gibt, wird Er mit uns teilen. In Ihm haben wir ein Erbteil erlangt (Eph 1,11). Dieses Erbe wird jetzt in den Himmeln für uns aufbewahrt. Es ist unverweslich, unbefleckt und unverwelklich (1. Pet 1,4). Diese Dinge gibt es auf der Erde nicht. Sie sind himmlisch. Zweitens sind wir Miteinverleibte. Dieser eine Leib wird auf der Erde gebildet. Er besteht aus ehemaligen Juden und Heiden, die Gott in einem Leib zusammengefügt hat. Das Haupt dieses Leibes – Christus – ist im Himmel. Deshalb gehört auch der ganze Leib dem Himmel an. Drittens sind wir Mitteilhaber seiner Verheißung in Christus Jesus. Das bezieht sich nicht auf die Verheißungen an Israel – die einen irdischen Charakter haben -, sondern es bezieht sich auf die Verheißung des ewigen Lebens (vgl. Tit 1,2), das seinem Charakter nach himmlisch ist.

In Offenbarung 21 wird uns die Versammlung im Bild der (himmlischen) Stadt Jerusalem vorgestellt. Sie kommt „aus dem Himmel“. Dort ist ihre Heimat. Und diese Heimat prägt jetzt schon ihren Charakter. Für uns bleibt die Frage, inwieweit wir diesen himmlischen Charakter der Versammlung praktisch verwirklichen. Als „Leuchter“ (Off 2 und 3) sollen wir ein Zeugnis für die Menschen dieser Welt sein, aber mit ihrem Treiben und ihrer Politik haben wir nichts zu tun.

E.-A. Bremicker

Einordnung: Ermunterung + Ermahnung, Jahrgang 2014, Heft 3, Seite 65

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