Versammlung

Der Tag wird es klarmachen

Der aufmerksame Leser des ersten Briefes, den der Apostel Paulus an die Korinther geschrieben hat, wird bemerken, dass den ganzen Brief ein korrigierender Ton durchzieht. Der Zustand dieser großen Versammlung, die hauptsächlich aus Gläubigen aus den Nationen bestand, war eher fleischlich als geistlich, und viel Böses hatte sich unter ihnen eingeschlichen.

Aber haben wir alle zu Herzen genommen, dass der Geist Gottes von all den bösen Dingen die Verherrlichung bestimmter Diener Gottes zu allererst tadelt? Wenn begnadete Diener verherrlicht werden, wird Christus aus seiner Vorrangstellung verdrängt; denn in 1. Korinther 1,12 wird Christus nur noch als Führer einer Partei in der Versammlung gesehen, wobei seine Partei in der Liste an letzter Stelle steht. Diese Entthronung Christi war das erste und schlimmste und fundamentalste aller Übel. Wenn dies geschieht, kann sich jedes andere Übel leicht breitmachen.

Von den vielen Übeln in Korinth werden zuerst die Spaltungen und die Verherrlichung von Dienern angeprangert.

So spricht Paulus im ersten Kapitel wiederholt von Christus, der das Haupt der Versammlung ist, und betont mehrmals, dass Er Herr ist. Es ist der Name des Herrn, den wir anrufen. Die Gemeinschaft, in die wir berufen sind, hat ihren Mittelpunkt in dem Herrn (V. 9). Wir erwarten sein Kommen, wenn der „Tag unseres Herrn Jesus Christus“ (V. 8) eingeführt wird. Wenn dieser Tag kommt, müssen selbst die begnadetsten Diener vor dem Herrn stehen – und Er wird ihren Dienst prüfen und beurteilen. Sein Urteil wird alles entscheiden.

Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben Meinung vollendet seiet.

1. Korinther 1,10

Wenn aber jemand auf diesen Grund baut Gold, Silber, wertvolle Steine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klarmachen, weil er in Feuer offenbart wird; und welcherart das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben.

1. Korinther 3,12.13

Diese Tatsache wird im dritten Kapitel des Briefes klar und deutlich erläutert. Wir haben es mit dem Werk Gottes zu tun, und die verschiedenen Diener sind nur „Mitarbeiter“ unter Ihm. Ihr Werk wird unterschiedlich sein, sowohl dem Wesen nach als auch, was die Treue und den geistlichen Wert angeht. Einige haben mit „Gold, Silber, köstlichen Steinen“ gebaut, andere leider mit „Holz, Heu, Stroh“, Materialien, die der Prüfung durch Feuer – dem Bild des prüfenden Gerichts – nicht standhalten werden. 1. Korinther 3,13 sagt: „Der Tag wird es klar machen, weil er in Feuer offenbart wird.“ „Der Tag“ in diesem Vers bezieht sich auf „den Tag unseres Herrn Jesus Christus“, der schon in Kapitel 1 erwähnt wurde. Wir, die wir seinen Namen anrufen und in seine Gemeinschaft berufen worden sind und sein Kommen erwarten, wenn die Nacht seiner Abwesenheit enden und der Tag seiner Gegenwart anbrechen wird – wir sollten nie vergessen, dass das prüfende Licht dieses Tages alles offenbar machen wird: Ob Gutes oder Schlechtes – alles wird völlig aufgedeckt werden. Im Bewusstsein dieser Tatsache sollten wir leben.

Wir sollten unser Leben im Bewusstsein führen, dass einmal alles offenbar werden wird.

Wenn wir das tun, werden wir davor bewahrt, uns durch die Beurteilung der Menschen dieser Welt oder fleischlich gesinnter Geschwister zu sehr beeindrucken zu lassen. Diesen Punkt greift der Apostel in 1. Korinther 4,3 auf: „Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch oder von einem menschlichen Tag [d. h. Gerichtstag] beurteilt werde.“ An anderer Stelle schreibt der Apostel: „Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe“ (Röm 13,12). Offensichtlich ist der „menschliche Tag“ in Wirklichkeit nichts anderes als „Nacht“ – jedenfalls von Gottes Standpunkt aus gesehen, den wir uns durch Gottes Gnade zu eigen machen durften.

Die Menschen dieser Welt sehen Dinge im Licht ihres Verstandes, der durch die Sünde beeinträchtigt ist. Wenn es um geistliche Dinge geht, ist ihr „Licht“ nur Finsternis, und folglich maß der Apostel ihrer Beurteilung in solchen Themen keinerlei Bedeutung bei, und wir sollten es auch nicht tun. Aber es ist eine traurige und ernste Sache, dass er der Beurteilung „von euch“, d. h. von den Gläubigen in Korinth, genauso wenig Bedeutung beimessen konnte. Schon am Anfang von Kapitel 3 musste er ihnen geradeheraus sagen, dass er zu ihnen nicht als zu Geistlichen reden konnte, sondern als zu „Fleischlichen … Unmündigen in Christus“.

So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird; und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott.

1. Korinther 4,5

Ein fleischlicher Christ ist zwar einer, der wirklich gläubig ist und in dem der Geist wohnt; er wandelt jedoch nicht im Geist – wozu wir in Galater 5,16 aufgefordert werden. Es ist klar, dass ein fleischlicher Christ die Begierden des Fleisches vollbringt. Der Gläubige dagegen, der im Geist wandelt, verwirklicht die Wahrheit, dass er unter „das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus“ gekommen ist, das ihn frei macht „von dem Gesetz der Sünde und des Todes“, wie es in Römer 8,2 heißt. Es gibt zwei Kräfte in uns: die Kraft des Heiligen Geistes und die Kraft des Fleisches, der alten Natur, die wir von Adam geerbt haben. Wir alle stehen unter dem „Gesetz“ oder der „Kontrolle“ der einen oder der anderen Kraft. Obwohl wir bekehrt sind und den Geist Gottes besitzen, haben wir noch das Fleisch in uns, und unser Leben kann immer noch in hohem Maße davon beeinflusst sein – und „die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott“ (Röm 8,7). Das zu sagen, ist eine harte und schreckliche Sache, aber das ist die eigentliche Natur des Fleisches, und deshalb leitet es sogar in dem Gläubigen die Gedanken und Beurteilungen in dem Maß in die Irre, wie er vom Fleisch beherrscht wird. Kein Wunder, dass die Beurteilung der Korinther, die durch Paulus gläubig geworden waren, ihn nicht besonders beeindruckte.

Die Gläubigen sollen offenbares Böses richten, wie die Schlussverse in 1. Korinther 5 zeigen. Der geistlich gesinnte Gläubige soll alles, was ihm als Wahrheit zu Ohren kommt, beurteilen, wie 1. Korinther 14,29 sagt. Aber wenn es darum geht, ein Urteil über Diener des Herrn abzugeben, dann lasst uns – selbst, wenn wir den Wert ihres Lebens und Wirkens einschätzen könnten – 1. Korinther 4,5 beachten. Bei aller Schwachheit und allem Versagen, das selbst bei dem besten Diener Gottes zu finden ist, gibt es das „Verborgene der Finsternis“. Außerdem kennen wir die Motive nicht, von denen ihre Gedanken und Taten hauptsächlich geleitet werden. Es gibt die „Überlegungen der Herzen“ (1. Kor 4,5) – die verborgenen Motive, die zu Worten und Taten führen. Diese beiden Faktoren, die wir nicht kennen, werden ans Licht gebracht werden. Für jeden Diener Gottes gilt: „Der Tag wird es klar machen.“

Es gibt auch bei den besten Dienern das „Verborgene der Finsternis“. Der Tag wird es klarmachen.

Dieser Vers, mit dem wir unseren kurzen Artikel beenden, ist einer, der die Herzen prüft wie sonst kaum ein anderer. Was für Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Trennungen und welche Schmach haben die Geschichte der bekennenden Kirche Gottes nicht schon ruiniert! Alles wird einmal beurteilt und richtiggestellt werden. Alles wird im rechten Licht gesehen werden. Alles, was falsch war, wird verurteilt werden. Alles, was wahr war, wird anerkannt und belohnt werden. Und statt Lob voneinander zu suchen, wird jeder sein Lob von Gott bekommen – das einzige Lob, das wirklich zählt.

Lasst uns Gott dafür danken, dass ein solcher Zeitpunkt kommen wird – wenn der Tag des Menschen endet und „der Tag“ anbricht –, an dem Gott jeden Diener und jedes Werk beurteilen, richtigstellen und entsprechend wertschätzen wird.

F. B. Hole

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2017, Heft 8, Seite 6

Bibelstellen: 1. Korinther 1,10; 3,12.13; 4,5

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