Das Beispiel von Petrus
Weide meine Schafe!
Johannes 21,17
Die Liebe des Herrn Jesus zu seinen Schafen zeigte sich in seinem unermüdlichen Dienst auf der Erde, den Er mit zartesten Empfindungen und in echter Hirtengesinnung tat (vgl. Mt 9,36). Sie offenbarte sich besonders, als Er sein Leben als der gute Hirte für sie hingab (Joh 10,11). Diese Hirtenliebe endete nicht, als Er die Erde verließ. Kurz vor seinem Weggang zum Vater vertraute Er seine Schafe, das Teuerste, was Er auf der Erde hat, einem Jünger an, den Er für besonders geeignet hielt – Petrus.
Hirtenaufgaben für einen gestrauchelten Jünger
Hatte Petrus damit gerechnet? Konnte er noch damit rechnen, nachdem er den Herrn Jesus dreimal verleugnet hatte? Der Herr war ihm bereits als Auferstandener begegnet (Lk 24,34), und die Sünde der Verleugnung war sicher vergeben worden. Doch seine anschließenden Worte: „Ich gehe hin fischen“, lassen uns vermuten, dass Petrus nicht mehr mit einer neuen Aufgabe rechnete (Joh 21,3). Er unterschätzte die Gnade seines Meisters. Dieser hatte vor seinem Fall zu ihm gesagt: „Bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder“ (Lk 22,32). Der Weg der Umkehr stand ihm offen. Und seine gläubig gewordenen jüdischen Brüder sollten durch ihn im Glauben gestärkt werden – eine wichtige Hirtenaufgabe! Der Herr schämte sich seines Jüngers nicht. Kann uns das nicht Mut machen? Er kann und will auch gestrauchelte Jünger für Hirtentätigkeiten gebrauchen, wenn sie von Herzen umgekehrt sind. Ihr Dienst wird vielleicht besonders von der erfahrenen Gnade geprägt sein.
In dem öffentlichen Gespräch am See von Tiberias lernt Petrus dann Entscheidendes über sich selbst und über die Herde.
Das große Hindernis: Selbstvertrauen
Petrus hatte sich in den See geworfen, um schnell zu seinem Herrn zu kommen, der am Ufer stand. Sein Gewissen war wieder frei und sein Herz erwärmt durch die liebevolle Einladung „Kommt her, frühstückt!“ (Joh 21,12). Doch die Ursache seines Versagens im Hof des Hohenpriesters muss noch zur Sprache kommen, bevor ihm die Schafe anvertraut werden können: sein Selbstvertrauen. „Liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15). Wir kennen sein früheres, selbstsicheres Auftreten (Mt 26,33.35; Lk 22,33; Joh 13,37). Genau diese Haltung kann der Herr bei Hirten nicht gebrauchen. Für den Umgang mit seinen Schafen braucht es eine demütige Gesinnung und das Bewusstsein völliger Abhängigkeit. „Außer mir könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5). Deshalb erhält Petrus die Hirtenaufgaben gerade in dem Moment, als er sich seiner eigenen Kraftlosigkeit zutiefst bewusst ist.
Die wichtigste Voraussetzung: Liebe zum Herrn
Durch die Fragen des Herrn sollte Petrus bewusst werden, dass das Vertrauen auf die Stärke seiner Liebe zum Herrn die Ursache seines Versagens gewesen war. Doch gleichzeitig deutet der Herr damit an, welche wichtige Eigenschaft ihn in seinem Hirtendienst prägen sollte. Denn der Herr fragte nicht: „Kennst du dich mit Hirtendienst aus?“ Er fragte nicht einmal: „Liebst du meine Schafe?“ Eine gute Kenntnis ist wichtig, und noch wichtiger ist Liebe zu den Schafen. Aber die erste und wichtigste Voraussetzung für Hirtendienst ist Liebe zum Herrn: „Liebst du mich?“ (Joh 21,16).
Die Liebe zu seinem Herrn sollte Petrus antreiben, den Auftrag in seinem Sinn zu erfüllen. Die spätere Aufforderung: „Folge mir nach“, zeigte ihm, dass man Hirtenliebe und Hirtenfürsorge am besten bei dem großen Hirten lernt.
Schlägt dein Herz für Christus? Dann wirst du dich viel mit Ihm beschäftigen und von Ihm lernen, wie man mit den Schafen seiner Weide umgeht. In seiner Nähe wächst die Liebe zu den Schafen nach seinem Vorbild.
Nachdem Petrus (wenn auch mit einem schwächeren Wort für „lieben“) seine Liebe zum Herrn beteuert hatte, legte der Herr den Dienst an seinen Schafen, die Ihm alles wert sind, in die Hände seines Jüngers – ein wunderbarer Beweis der Liebe des Herrn.
Meine Lämmer, meine Schafe
Der Herr gab Petrus Hirtenaufgaben, übereignete ihm jedoch nicht die Schafe. Sie blieben sein Eigentum. Petrus konnte nicht nach seinem Gutdünken mit den Schafen handeln oder im Dienst seinen eigenen Vorteil suchen (vgl. 1. Pet 5,2.3). Er ist Diener, der dem Eigentümer der Schafe in allem Rechenschaft schuldig bleibt. Zugleich sorgt der Herr selbst weiter für seine Schafe, gerade auch dann, wenn menschliche Hirten versagen oder keinen Rat mehr wissen.
Der Herr unterscheidet dabei Lämmer und Schafe. Sie benötigen unterschiedliche Zuwendung. Die Lämmer stehen für junge und jungbekehrte Gläubige. Ihnen sollte Petrus besondere Beachtung schenken. Ein einsichtiger Hirte kennt die Schafe und sorgt ihrem natürlichen und geistlichen Alter entsprechend für sie.
Weiden und Hüten
Zweimal sprach der Herr vom Weiden, einmal vom Hüten. Dem Meister liegt die Versorgung seiner Herde mit guter geistlicher Nahrung besonders am Herzen. Nur bei den Schafen wird vom Hüten und Weiden gesprochen, während die Lämmer geweidet werden sollen. Was sie brauchen, ist gesunde, leicht verständliche Nahrung. Lasst uns daher bei der Weitergabe des Wortes Gottes besonders die Kleinen der Herde im Blick behalten!
Schafe sollen auch gehütet werden. Das umfasst alle Tätigkeiten eines Hirten. F. B. Hole schreibt dazu: „Die Hauptaufgabe eines Hirten besteht darin, Herz und Gewissen der Gläubigen zu erreichen, ihnen das immer wieder vorzustellen, worin sie bereits unterwiesen wurden, sie anzuspornen und sie in einem wachsamen Zustand zu halten.“
Hirtendienst unter den Zerstreuten
Wie ist Petrus seinem Hirtendienst nachgekommen? In der Apostelgeschichte stehen andere Aufgaben im Vordergrund, die der Herr Jesus ihm ebenfalls anvertraut hatte: Er sollte Menschenfischer und Zeuge sein (Lk 5,10; 24,48). Während er diese Aufgabe treu ausführte, wurde er durch Leiden und Verfolgung darauf vorbereitet, den leidenden und verfolgten Christen aus dem jüdischen Volk als Hirte zu dienen. Er lernte die Nöte und Gefahren dieser Schafe durch eigene Erfahrung kennen – aber auch die Hilfe des Herrn, denn jeder Hirte ist auch selbst ein Schaf des großen Hirten. Doch die Gläubigen aus den Juden waren eine zerstreute Herde. Und wir lesen nur wenig davon, dass Petrus als Hirte reiste und Gläubige an anderen Orten besuchte (siehe z. B. Gal 2,11; 1. Kor 9,5).
Wie wichtig ihm jedoch diese vom Herrn selbst anvertraute Aufgabe war, erkennt man aus seinen Briefen, die sich an die „Fremdlinge von der Zerstreuung“ richten (1. Pet 1,1). Es sind echte Hirtenbriefe.
• Sechsmal nennt er seine Empfänger „Geliebte“ – das Motiv der Liebe zum Dienst als Hirte hat er bei seinem Meister gelernt.
• Immer wieder kommt er auf den Herrn Jesus und sein Werk zu sprechen – die beste Nahrung für die Herde.
• Gesundes Wachstum liegt ihm am Herzen (vgl. 1. Pet 2,2; 2. Pet 3,18).
• 13-mal lesen wir von „Wandel“ oder „wandeln“. Die Herde soll in Spuren der Heiligkeit und Gottesfurcht laufen (1. Pet 1,15.17).
• Er wacht über die Seelen, indem er sie ermahnt und vor fleischlichen Begierden, falschen Lehrern und den Angriffen Satans warnt (1. Pet 2,11; 5,8; 2. Pet 2,1; 3,3).
• Er ermutigt sie, in Leiden auszuharren, dem Beispiel des Herrn Jesus zu folgen und nicht die ewige Herrlichkeit zu vergessen, zu der sie berufen sind.
• Er hat Worte für Ältere und für Jüngere (1. Pet 5,1.5).
In 1. Petrus 5,1-5 kommt er ausdrücklich auf Hirtendienst zu sprechen. Bald würde er selbst den Märtyrertod erleiden. Auch nach seinem Abschied brauchte die Herde Hirten, die in wahrer Hirtengesinnung der Herde dienen. Die Schafe dürfen nicht sich selbst überlassen werden. Die Art und Weise, in der die Ältesten ermahnt werden, zeugt davon, in welcher Haltung Petrus selbst seinen Hirtendienst in der Herde Gottes ausübte: selbstlos, freiwillig und treu.
Damit lässt er uns mit der Frage zurück: Wo sind heute die Hirten, denen der Herr Jesus das Wertvollste anvertrauen kann, was Er auf der Erde hat – seine Lämmer und seine Schafe?
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