Gott / Jesus Christus

Der Spross

Christus in Sacharja 3

„Denn siehe, ich will meinen Knecht, Spross genannt, kommen lassen“ (Sach 3,8).

Mein Knecht, Spross genannt

In diesen Worten, die Josua und seine Gefährten hören sollten und durften, haben wir die erste klare Ankündigung der Person des Messias im Propheten Sacharja. In Kapitel 1 sehen wir Christus noch versteckt als den Engel des HERRN, in Kapitel 2 war es eine Ankündigung, dass der HERR unter seinem Volk wohnen würde, und im ersten Teil von Sacharja 3, Vers 8, ein Vorbild (in der Person Josuas). Aber hier ist es eine direkte Ankündigung.

Wir wollen uns dabei drei Aspekte etwas genauer ansehen:

  • Gottes „siehe“
  • „Mein Knecht“
  • „Spross genannt“

Gottes „siehe“

Das Wort „siehe“ – das bekanntlich (im besten Sinn des Wortes) eine „Zeigefingerfunktion“ hat – kommt sehr oft im Alten Testament vor (über 1000-mal). Es ist auffällig, dass Sacharja dieses „siehe“ viermal in Verbindung mit dem Messias nennt, jeweils entsprechend dem Charakter eines der vier Evangelien:

  • „Siehe, dein König …“ (Sach 9,9). Das sehen wir besonders im Matthäus-Evangelium, das uns den Herrn Jesus als den König Israels zeigt.
  • „Siehe, mein Knecht“ (Sach 3,8). Das sehen wir besonders im Markus-Evangelium, in dem wir den Herrn Jesus als den Knecht Gottes finden, der gekommen war, um zu dienen.
  • „Siehe, ein Mann …“ (Sach 6,12). Das entspricht der Herrlichkeit des Herrn Jesus im Lukas-Evangelium, in dem wir Ihn besonders als den wahren Menschen finden.
  • „Siehe da, euer Gott!“ (Jes 40,9). Das weist uns auf das Johannesevangelium hin, das den Herrn Jesus als den Sohn Gottes vorstellt.

Mein Knecht

Gott bezeichnet den Herrn Jesus in diesem Vers als seinen Knecht, also als den, der den Willen Gottes ausführt und der sich dazu so tief erniedrigt hat (Phil 2,7). Das hebräische Wort für Knecht (ebed) finden wir erst nach der Flut, und zwar zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Fluch Kanaans (1. Mo 9,25-27). In Bezug auf die Jahrhunderte vor der Flut lesen wir nie davon, dass jemand „Knecht“ geworden wäre. Was für eine Gnade und Demut, dass Christus eine derart niedrige Position einnehmen würde, dass Er als „Knecht“ bezeichnet werden konnte – und das, obwohl Er der einzige Mensch ohne Sünde war – und dazu derjenige, der „in Gestalt Gottes war“ und „es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein“! (Phil 2,6).

Die Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.

Philipper 2,5-8

Dabei ist es interessant, dass Gottes Wort im Grundtext eine Reihe ähnlicher, aber eben nicht genau identischer Ausdrücke verwendet, um seinen Christus zu beschreiben. Manchmal erliegen wir der Versuchung, die verschiedenen mit Spross übersetzten Ausdrücke miteinander – oder ähnlichen Ausdrücken wie „Reis“ oder „Schössling“ – zu vermischen. Es lohnt sich durchaus, einmal über die Unterschiede der verschiedenen Wörter nachzudenken, die die Bibel zu diesem Thema benutzt[1]:

Verschiedene Ausdrücke zum Themenbereich „Spross“

  • Spross (zemach, 12x im AT, z. B. in Sach 3,8): Hier geht es darum, dass etwas Neues hervorkommt, dass etwas wächst.
  • Schössling (nezer, 4x im AT ): Hier geht es um die auffallende grüne Farbe bzw. um die Frische des Schösslings und im übertragenen Sinn auch um einen Nachkommen. Jesaja 11,1 zeigt die niedrige Herkunft (Stumpf Isais, nicht Davids) und den Gegensatz zwischen dem Haus Davids einerseits (von dem nur ein Wurzelstumpf übrig geblieben war) und dem Messias, der als grüner Schössling aus diesem Stumpf hervorkommen sollte. Wir dürfen davon ausgehen, dass Matthäus sich auf diesen Ausdruck nezer bezieht, wenn er sagt: „Und er kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth, damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: ‚Er wird Nazaräer genannt werden‘“ (Mt 2,23).
  • Reis (choţer, Jes 11,1): Dieses Wort bezeichnet einen Zweig oder eine Rute. Es kommt sonst nur noch in Sprüche 14,3 vor („Gerte des Hochmuts“). Es geht um eine biegsame junge Pflanze.
  • Reis (jônêq, Jes 53,2a): Dieses Wort, das sonst nur als Name (Jonathan AR: Dieser Name wird allgemein als Jeho-nathan „Jhwh hat gegeben“ erklärt, hat also nichts mit joneq zu tun …) vorkommt (nur in 1. Chr 2,32.33), drückt die Zartheit der Pflanze aus. Es ist mit dem Wort für Säugling verwandt (jânaq).
  • Wurzelspross (scheresch, Jes 53,2b, 33x im AT): Hier steht der Gedanke der Wurzel im Vordergrund (s. 5. Mo 29,17; 2. Kön 19,30), z. B. wenn es um Christus als die Wurzel Davids oder Isais geht (Jes 11,10).
  • Baum oder Holz (‘êts): Dieses Wort wird typologisch für Christus benutzt in 2. Mose 15,25 (ein Holz) und 25,5 (Akazienholz) und Psalm 1,3 (ein Baum).

Im Neuen Testament wird der Gedanke des Schösslings (zemach) und der Wurzel (scheresch) aufgenommen, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Während Christus in Jesaja 11 zuerst als Nachkomme (nezer, V. 1) und danach als Wurzel (scheresch, V. 10) vorgestellt wird, lesen wir in der Offenbarung: „Ich, Jesus, … bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern“ (Offb 22,16). Hier wird die Wurzel zuerst genannt. Als Gott war Er die Wurzel, der Ursprung des Hauses David, als Mensch war Er der Nachkomme oder das Geschlecht Davids.

Man staunt über die Vielfalt der Bezeichnungen, die Gott benutzt, um uns etwas mehr von der Herrlichkeit des Herrn Jesus vorzustellen. Aber wir können hier nur auf den ersten Ausdruck eingehen, nämlich Spross (zemach). Das Wort kommt zum ersten Mal in 1. Mose 19,25 vor, und zwar im Zusammenhang mit dem Gericht über Sodom und Gomorra: „Und er kehrte diese Städte um und die ganze Ebene und alle Bewohner der Städte und das Gewächs (zemach) des Erdbodens.“ Das war also das Resultat der Sünde dieser Städte, dass dort nichts mehr wuchs, dass alles, das vorher „hervorsprosste“, vernichtet wurde. Im positiven Sinn kommt das Wort in Psalm 65,11 vor, wo es heißt: „Du … segnest ihr Gewächs“.

Wir lernen daraus, dass die Sünde Sodoms so flagrant war, dass Gott mit Feuer vom Himmel antworten musste, und zwar so, dass es dort kein Wachstum, kein Zeichen von Leben, mehr gab. Es war nichts mehr da, was „sprosste“. Aber Christus ist der wahre Spross (zemach), an dem Leben und Wachstum gesehen werden. Dieser Gegensatz vermittelt uns einen Eindruck von der Freude, die Gott an Ihm findet. Das gilt einerseits für die Zeit, als der Herr Jesus als Mensch auf der Erde war und Gott bei Ihm dieses Wachstum, diesen Beweis des Lebens, feststellte (Lk 2,40.52). Aber insbesondere gilt es für eine Zeit, die noch kommen wird, in der Christus herrschen wird. Dann wird Er „von seiner Stelle aufsprossen und den Tempel des HERRN bauen“ (Sach 6,12).

Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen.

Lukas 2,52

Tatsächlich haben wir hier eine weitere der fünf Stellen, an denen Gott dieses Wort für Spross in Bezug auf Christus benutzt. Interessanterweise enthalten vier dieser Stellen einen ausdrücklichen Hinweis auf den Charakter eines der vier Evangelien:

  • Matthäus: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich David einen gerechten Spross erwecken werde; und er wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land“ (Jer 23,5).
  • Markus: „Siehe, ich will meinen Knecht, Spross genannt, kommen lassen“ (Sach 3,8).
  • Lukas: „Siehe, ein Mann, sein Name ist Spross; und er wird von seiner Stelle aufsprossen und den Tempel des HERRN bauen“ (Sach 6,12).
  • Johannes: „An jenem Tag wird der Spross des HERRN zur Zierde und zur Herrlichkeit sein und die Frucht der Erde zum Stolz und zum Schmuck für die Entronnenen Israels“ (Jes 4,2).

Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich David einen gerechten Spross erwecken werde; und er wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land.

Jeremia 23,5

Die fünfte Stelle haben wir in Jeremia 33,15, wo es heißt: „In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich David einen Spross der Gerechtigkeit hervorsprossen lassen, und er wird Recht und Gerechtigkeit üben im Land.“ Hier sehen wir den Herrn Jesus als den, der endlich eine vollkommen gerechte Regierung auf der Erde ausübt. Es ist Gottes Erfüllung seines Bundes mit David, dass es Ihm nie an einem Mann fehlen sollte, der auf dem Thron Davids sitzt (Jer 33,14-21).

So ergibt sich ein wunderschönes Bild von der moralischen Schönheit von Christus. Sie zeigen seine Einsicht („verständig handeln“) und Gerechtigkeit (Jer 23,5; 33,15), seine Bereitschaft zu dienen (Sach 3,8), das Wachstum und Interesse am Haus Gottes (Sach 6,12) und schließlich seine Schönheit und Herrlichkeit (Jes 4,2).

Jesaja, Jeremia und Sacharja waren Propheten, die durch viele Jahrzehnte voneinander getrennt waren (Jesaja wirkte um 700 v. Chr., Jeremia vor der Gefangenschaft um 600 v. Chr. und Sacharja um 520 v. Chr.). Und die vier Evangelisten lebten und schrieben noch weitere fünf Jahrhunderte später. Dennoch gibt es eine vollkommene Harmonie in der Art und Weise, wie diese verschiedenen Propheten und Evangelisten Christus beschreiben. Es ergibt sich immer wieder das vierfache Porträt des Heilands. Das ist nur ein Beispiel von vielen für das Wunder der Inspiration der Bibel.

Das verwandte Verb (zâmach) kommt zuerst in 1. Mose 2 vor. Dort heißt es, dass Gott Kraut „sprossen“ und Bäume „wachsen“ ließ (V. 5.9). Es kommt auch in Psalm 132 vor, wo es heißt: „Dort will ich das Horn Davids wachsen lassen, habe eine Leuchte für meinen Gesalbten zugerichtet“ (V. 17).

An zwei Stellen werden beide Ausdrücke für den kommenden Messias benutzt (Verb und Substantiv), nämlich in der bereits erwähnten Stelle in Sacharja 6,12 („Ein Mann, sein Name ist Spross; und er wird von seiner Stelle aufsprossen“) und in Jeremia 33,15: „In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich David einen Spross der Gerechtigkeit hervorsprossen lassen, und er wird Recht und Gerechtigkeit üben im Land.“

Beide aus dem Propheten Jeremia angeführten Stellen (Kap. 23,5 und 33,15) sagen ausdrücklich, dass dieser Spross mit David in Verbindung steht und dass er als König regieren bzw. Recht üben wird. Der Name Spross steht also – auch wenn Er als Knecht vorgestellt wird – mit dem Königtum von Christus in Verbindung.

Allerdings sind hier in Sacharja 3 die beiden Ämter Priester und König noch deutlich voneinander getrennt: Der Hohepriester Josua hört, dass der Spross (aus Davids Stamm) kommen wird. Sacharja zeigt uns erst im sechsten Kapitel, dass tatsächlich einmal beide Ämter in einer Person vereinigt sein werden.

Der Spross und das Neue Testament

In vielen englischen Bibelübersetzungen wird das Wort Spross in Großbuchstaben geschrieben, um dem Leser klar zu machen, dass es sich um den Messias handelt. Selbst viele jüdische Rabbiner beziehen die Prophezeiungen über den Spross ganz klar auf den Messias. Dennoch gibt es immer auch Zweifler, die versuchen, diesen Gedanken zu entkräften. Dazu sei kurz Folgendes erwähnt:

  1. Wer sich die fünf oben zitierten Stellen, in denen das Wort zemach vorkommt, genau und vor allem unvoreingenommen ansieht, wird feststellen, dass sie anders gar nicht zu erklären sind. Denn: Wann hat Gott wieder in Jerusalem gewohnt, wann ist die Ungerechtigkeit des Landes weggenommen worden, wann hat es vollkommenen Frieden gegeben, und wann hat es (seit den Tagen Sacharjas) einen Mann auf dem Thron Davids gegeben?
  2. Auf den ersten Blick findet man im Neuen Testament den Ausdruck „Spross“ nicht. Bei näherem Hinsehen macht man eine interessante Feststellung: Das Neue Testament beschreibt Christus mit demselben Begriff, den die Septuaginta für „Spross“ benutzt, nämlich dem Ausdruck anatole, was auch mit „Sonnenaufgang“ übersetzt wird. Dieser Ausdruck kann sowohl das Aufsteigen der Sonne als auch das Emporwachsen als Spross bezeichnen. Interessanterweise finden wir in Lukas 1,78 genau diesen Ausdruck „der Aufgang aus der Höhe“. Es ist ein Hinweis auf Christus, der kommen würde, „um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“ (Lk 1,79).
  3. Den Kerngedanken, der mit dem Namen Spross zusammenhängt (Nachkomme Davids), finden wir im NT vielfach bestätigt (Mt 1,1; Lk 2,11; Apg 13,34; 15,16; Röm 1,3; 2. Tim 2,8).

Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium.

2. Timotheus 2,8

(Wird fortgesetzt)

Zusammenfassung:

„Siehe, ich will meinen Knecht, Spross genannt, kommen lassen“ (Sach 3,8). Mit diesen Worten stellt Gott Christus, den kommenden Messias, vor. Das Alte Testament benutzt eine ganze Reihe ähnlicher, aber eben nicht identischer Ausdrücke (mehr als wir im Deutschen haben), um Christus als Spross zu beschreiben. Die Stellen, an denen der hier verwendete Ausdruck vorkommt, ergeben ein wunderschönes Bild der moralischen Schönheit des Herrn Jesus, und zwar in vollkommenem Einklang mit den Jahrhunderte später geschriebenen Evangelien. Gott möchte uns zeigen, wie groß sein Wohlgefallen ist, das Er an dem Leben Christi fand und – besonders, was seine Herrschaft betrifft – noch finden wird.


Fußnoten:

  1. Die hebräische Sprache hat eine große Vielfalt an Ausdrücken zu diesem Thema – wir geben hier nur die wichtigsten davon an.

Michael Hardt

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2018, Heft 12, Seite 10

Bibelstellen: Sacharja 3,8

Stichwörter: Knecht, König, Sacharja, Spross, Wurzelspross