Fragen und Antworten

Gabe der Dämonenaustreibung – auch heute noch?

Frage: In letzter Zeit habe ich mich ausführlicher mit Geistesgaben im Kontext der Pfingstbewegung beschäftigt. In diesem Zusammenhang entstand bei mir die Frage: Wenn heute Menschen von Dämonen besessen sind (was ja durchaus nicht nur ein historisches Phänomen ist) – können Kinder Gottes diese auch heute noch austreiben?

Das Austreiben von dämonischen Geistern gehört nach Markus 16 ausdrücklich zu den Zeichen wie auch das Reden in neuen Sprachen und die Gabe der Krankenheilung (V. 17.18). Diese „darauf folgenden Zeichen“, durch die der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte (Mk 16,20), waren offensichtlich auf die Zeit der Apostel und somit auf den Anfang der christlichen Zeitepoche beschränkt. Das wird zum einen in dem Zusammenhang in Markus 16 angedeutet, wo der Herr die Jünger (Apostel) vor Augen hat und sie beauftragt, das Evangelium der ganzen Schöpfung zu predigen. Zum anderen finden die Worte des Herrn augenscheinlich ihre Erfüllung in der Apostelgeschichte (vgl. Apg 5,16; 8,7; 16,16; 19,12), in der die „Zeit der Apostel” und der Anfang der christlichen Zeitepoche in ihrem „Übergangscharakter” dargestellt wird.

Es fällt auf, dass an allen Stellen, wo in der Apostelgeschichte von der Austreibung von unreinen Geistern oder Dämonen die Rede ist, es sich offensichtlich um Zeichen handelt, wie sie vom Herrn Jesus in Markus 16 vorausgesagt waren und nicht um die Mitteilung von geistlichem Segen¹, woran man heute oft denkt. In den Kapiteln 5, 8 und 19 wird in Verbindung mit der Austreibung unreiner oder böser Geister ausdrücklich von Zeichen oder Wundern gesprochen, und es ist jeweils in diesem Zusammenhang auch von Krankenheilungen die Rede, die ganz offensichtlich zu demselben Zweck geschahen (Apg 5,15-16; 8,7; 19,11.12).

Weiterhin fällt auf, dass die erwähnten Zeichen nicht direkt benutzt wurden, um ein geistliches Werk an den Menschen zu vollbringen, um sie innerlich zu befreien und zu erretten. Das gilt auch für die Dämonenaustreibung. Zwar wurden die Betroffenen durch dieses Wunder von dem unreinen Geist befreit; aber letztlich war das, was sie erlebten, eine (ähnliche) Befreiung, wie sie auch bei einer Krankenheilung geschah. Durch dieses Wunder wurde weder die Seele eines Menschen gerettet noch sein Herz gereinigt. Und es gibt auch nicht den geringsten Hinweis, dass dadurch das Gewissen der Menschen oder des Betroffenen selbst erreicht worden wäre. Errettet wird der Mensch nur, wenn er die Botschaft des Heils im Glauben annimmt. Daher lag der Schwerpunkt immer eindeutig auf der Predigt des Wortes, d. h., in der Ausübung der Gaben, die Gott zum geistlichen Nutzen gegeben hatte, und nicht in der Ausübung von Zeichengaben.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Begebenheit in Apostelgeschichte 16, wo Satan durch eine besessene Frau offensichtlich eine ganz besondere Form des Widerstands auf einem neuen Arbeitsfeld (Europa) entfaltete. Paulus nahm diesen Widerstand zunächst eine ganze Zeit lang hin, was man nicht verstehen könnte, wenn er die Dämonenaustreibung benutzt hätte, um die Frau mit dem Evangelium zu erreichen und ihr Befreiung von der Sünde zu schenken. Offensichtlich gebrauchte Paulus diese Zeichengabe aber nicht direkt als Mittel, um das Evangelium mit Macht auf die Herzen und Gewissen zu legen – weder bei der Frau noch im Blick auf die Menschen in Philippi. Er gebrauchte sie auch nicht zu seinem eigenen Vorteil, um Widerstand im Dienst für den Herrn aus dem Weg zu räumen – genauso wenig, wie er die Gabe Krankenheilung einfach nur als „Mittel“ benutzte, um gläubige Freunde zu heilen (vgl. Phil 2). Vielmehr benutzte er diese Gabe zu ihrem eigentlichen Zweck: Als Ausdruck davon, dass der Herr mitzeugte und das gepredigte Wort in dieser Gegend, wo das Evangelium zum ersten Mal verkündigt wurde, als Gottes Wort bestätigte.

Wenn in der heutigen Zeit die Ausübung von Zeichengaben propagiert wird, dann fällt auf, dass der eigentliche Zweck dieser Gaben meist völlig ignoriert wird. Das betrifft die Gabe des Sprachenredens genauso wie die der Wunderheilung und der Dämonenaustreibung. Weder bei den Krankenheilungen noch bei den Dämonenaustreibungen stand die Befreiung des Betroffenen selbst als Hauptziel im Vordergrund; vielmehr scheint es in erster Linie ein Zeichen für die anwesenden Menschen gewesen zu sein, damit vor aller Augen der Beweis erbracht wurde, dass der Herr mitzeugte, dass es seine Botschaft war, die Er durch ein Zeichen vor den ungläubigen Menschen bestätigte. Und diese Zeichen hat Gott in der Anfangszeit und für die Anfangszeit des Christentums gegeben, um den göttlichen Ursprung der damals noch neuen, durch die Apostel verkündigten Botschaft zu unterstreichen. Daher können wir mit Gewissheit davon ausgehen, dass heute niemand mehr über solche vom Geist Gottes hervorgerufene Fähigkeiten oder Zeichengaben verfügt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass heute niemand mehr von Dämonen befreit werden könnte oder dass jemand, der unter dem Einfluss dämonischer Mächte steht, nicht das Evangelium annehmen könnte. Letztlich geht jede Bekehrung auf ein Werk Gottes zurück: Er wirkt durch seinen Geist mit dem Wort Gottes an den Herzen und Gewissen. Und wo Er wirkt, müssen Satan und seine Vasallen weichen. Wenn Gott heute Menschen in diesem Zusammenhang als seine Werkzeuge gebraucht, dann nicht aufgrund einer verliehenen Wundergabe, sondern „durch Gebet und Fasten“ (vgl. Mk 9,29).

 


1 Allerdings weisen manche Wunder typologisch auf geistliche Segnungen oder Wirkungen des Evangeliums hin; auch gibt es Wunderheilungen, mit denen unmittelbar geistlicher Segen einherging, wie z. B. bei dem Blindgeborenen in Johannes 9, dem sowohl buchstäblich als auch im geistlichen Sinn die Augen geöffnet wurden, um den Sohn Gottes zu erkennen.

Christian Mohncke

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2019, Heft 7, Seite 19

Bibelstellen: Markus 16,20; Apostelgeschichte 5,16; 8,7; 16,16; 19,12;

Stichwörter: Fasten, Gebet, Geistesgaben, Krankenheilungen, Wunder, Zeichen