Bibelauslegung

Die Offenbarung – kein Buch mit sieben Siegeln!

Für viele Menschen ist die Offenbarung ein „Buch mit sieben Siegeln“ – eine Redewendung, die aussagt, dass ein Thema schwer zugänglich oder unverständlich ist¹. Nun ist die Offenbarung aufgrund ihrer bildreichen Sprache und ihres prophetischen Inhalts nicht einfach zu verstehen. Sie unterscheidet sich auch in mancher Hinsicht von den anderen Büchern des Neuen Testaments. Doch ein verschlossenes und unverständliches Buch ist sie nicht.

Für einen guten Zugang zu diesem Bibelbuch sind schon die ersten Verse hilfreich. Sie enthalten manche Hinweise, um den Inhalt und einige Besonderheiten der Offenbarung richtig zu verstehen.

„Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss; und durch seinen Engel sendend, hat er es seinem Knecht Johannes gezeigt, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er sah. Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe“ (Off 1,1-3).

Offenbarung …

Gleich das erste Wort macht deutlich, dass es in diesem Bibelbuch um enthüllte, nicht um verschlüsselte Dinge geht – denn der Begriff „Offenbarung“ bedeutet „Enthüllung“. Die Offenbarung „enthüllt“ Ereignisse, die noch zukünftig sind, sie macht offenbar und bekannt, was „bald geschehen muss“. Das wird dadurch unterstrichen, dass der Schreiber Johannes am Ende der Offenbarung ausdrücklich aufgefordert wird, die Worte der Offenbarung nicht zu versiegeln: „Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches; denn die Zeit ist nahe“ (Off 22,10). Somit ist die Offenbarung kein verschlossenes und geheimnisvolles Buch, sondern ein Buch, in dem Gott uns einen Blick in die Zukunft tun lässt.

… Jesu Christi …

Vielfach wird die Offenbarung als „Offenbarung des Johannes“ bezeichnet. Aber der erste und direkte Empfänger ist nicht Johannes, sondern der Herr Jesus. Es ist die Offenbarung „Jesu Christi“. Das bedeutet zunächst einmal, dass Christus derjenige ist, der als Mensch die Dinge von Gott empfängt. Als „Jesus“ hat der Herr einst Gott hier auf der Erde offenbart. Als der verherrlichte Christus im Himmel macht Er jetzt die zukünftigen Dinge offenbar.

Gleichzeitig ist Jesus Christus auch der Inhalt und Mittelpunkt der Offenbarung. Die Herrlichkeit der Person des Herrn Jesus wird in vielen Aspekten vorgestellt. So zum Beispiel seine Würde als Richter, König und Erlöser (das Lamm). Christus ist zudem der Zielpunkt, auf den alle Wege Gottes mit den Menschen und der Schöpfung hinauslaufen. Der Herr Jesus wird einmal herrlich auf der Erde regieren. Die in der Offenbarung beschriebenen Gerichte werden den Weg dazu ebnen. Gott wird zu seinem Ziel kommen, im Tausendjährigen Reich „alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist“ (Eph 1,10).

… die Gott ihm gab …

Dass der Herr Jesus die Offenbarung von Gott bekommt, ist auf den ersten Blick vielleicht etwas überraschend für uns. Wir merken dadurch gleich zu Beginn dieses Buches, dass der Herr Jesus in der Offenbarung ausdrücklich als Mensch vorgestellt wird, obwohl an vielen Stellen auch deutlich wird, dass Er immer Gott ist und bleibt.

Eine Verständnishilfe findet sich im Markusevangelium. Dort spricht der Herr Jesus zu seinen Jüngern von zukünftigen Ereignissen und sagt: „Von jenem Tag aber oder der Stunde weiß niemand, weder die Engel im Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mk 13,32). Mit seiner Menschwerdung nahm der Herr Jesus im Blick auf Gott einen so abhängigen Platz ein, dass Er Tag und Stunde der Vollendung der zukünftigen Dinge nicht kannte. Wenn der Mensch Jesus daher Johannes die zukünftigen Ereignisse im Auftrag Gottes bekanntmachen soll, muss Gott, der Ursprung jeder Offenbarung (Jes 45,11), sie ihm vorher geben.

… um seinen Knechten …

Mit diesen Worten werden die letztendlichen Adressaten der Offenbarung vorgestellt. Es sind die Gläubigen, die in der Offenbarung an verschiedenen Stellen ganz allgemein „Knechte“ genannt werden (vgl. Kap. 2,20; 7,3; 22,3). Der Ausdruck „Knecht“ steht im Zusammenhang mit Verantwortung. Die Offenbarung richtet sich an solche, die den Willen Gottes kennen und tun. Zudem geht es in der Offenbarung nicht um Gläubige der heutigen Zeit, sondern auch um Gläubige, die nach der Entrückung der Versammlung auf der Erde leben werden und in einer anderen Beziehung zu Christus stehen als wir. Passend dazu verwendet Gott in seiner Weisheit einen umfassenden Begriff.

… zu zeigen …

Das Wort „zeigen“ spielt eine wichtige Rolle im Buch der Offenbarung. Es kommt häufig vor und weist auf ein typisches Merkmal der Offenbarung hin: den Gebrauch von Symbolen und „Zeichen“. Johannes bekommt die Weissagungen nicht nur in Worten vermittelt, sondern immer wieder werden ihm neue Dinge von Gott gezeigt oder „durch Zeichen kundgetan“. Viele dieser Symbole sind der Natur oder der Menschenwelt entnommen (z. B. Sonne, Mond,
Sterne, Braut, Hure). Durch die symbolische Sprache werden die manchmal etwas schwierigen Themen der Offenbarung besser fassbar für uns. Allerdings erfordert es zum Teil Mühe, herauszufinden, was die Zeichen bedeuten. Doch viele dieser Zeichen werden in der Offenbarung selbst erklärt. Bei anderen Symbolen hilft ein Blick in das Alte Testament, beispielsweise in das Buch Daniel, zum Verständnis.

… was bald geschehen muss …

Gott hat die Offenbarung gegeben, um uns zu zeigen, dass das Gericht unmittelbar bevorsteht. Es kommt „bald“ oder „in Kürze“. Auch diese Worte können uns vielleicht etwas verwundern. An manchen Stellen des Neuen Testaments wird deutlich, dass die Gerichte über die Erde erst beginnen, nachdem der Herr die Gläubigen zu sich geholt hat. Gott wusste doch, wie lange die Gnadenzeit währen würde. Wieso spricht Er dann hier von „bald“? Nicht ohne Grund, wie folgende Überlegungen zeigen:

  • Durch diese Ausdrucksweise wird gleich zu Beginn des Buches deutlich, dass die Offenbarung ein prophetisches Buch ist. Es geht um Dinge, die noch zukünftig sind. Damit nimmt die Offenbarung unter den Büchern des Neuen Testaments eine besondere Stellung ein.
  • Zweitens zeigen diese Worte, dass die Gnadenzeit jederzeit abgeschlossen werden kann. Es ist nur die Gnade und Langmut Gottes gegenüber den Sündern, die das in der Offenbarung beschriebene Gericht noch zurückhält (2. Pet 3,9).
  • Drittens beugt diese Formulierung der Gefahr vor, dass wir den Inhalt der Offenbarung als weit von uns entfernt betrachten und uns so der Wirkung dieser Worte Gottes entziehen. Sowohl die Erwartung des Herrn zur Entrückung der Gläubigen als auch das dann folgende Gericht soll uns mehr bewusst sein und sich auf unser Leben auswirken.
  • Viertens werden wir auch hier daran erinnert, dass Gott eine andere Zeitrechnung hat als wir Menschen (Ps 90,4; 2. Pet 3,8).

… und durch seinen Engel sendend …

Die Art und Weise, wie Johannes hier die Botschaft Gottes empfängt, ist ebenfalls besonders. Als Jünger hatte er einst im Schoß des Herrn gelegen und in vertrauter Nähe seine Worte gehört (Joh 13,23-26). Hier ist es anders. Der Herr redet nicht direkt, sondern durch einen Engel zu Johannes. Dem ganzen Buch der Offenbarung liegt somit ein gewisser Abstand zugrunde. Dieser Abstand trägt dem damals schon begonnenen Niedergang in den Versammlungen Rechnung und passt zum Charakter der Offenbarung. Es geht hier vor allem um Gericht und nicht um die Beziehungen der Gnade.

… hat er es seinem Knecht Johannes gezeigt …

Mit Johannes endet die Kette, durch die die Offenbarung Gottes zu den Gläubigen gelangt. Sie kommt von Gott, wird dem Herrn Jesus gegeben, gelangt durch seinen Engel an Johannes und ist für die Knechte Gottes bestimmt. Die „Kette der Offenbarung“ umfasst somit insgesamt fünf Glieder.

Johannes empfängt diese Worte nicht in seinem Charakter als der „Jünger, den Jesus liebte“. Er empfängt sie auch nicht als Apostel, sondern als ein Knecht und Prophet Gottes. Dass Johannes sich hier mit seinem Namen vorstellt, ist auch eine Besonderheit der Offenbarung. In seinen anderen Schriften tut er das nicht. Dort spricht er von sich in der dritten Person. Hier nennt er seinen Namen gleich dreimal in der Einleitung (V. 1.4.9) und einmal am Ende des Buches (Kap. 22,8).

… der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er sah.

Um diesen Satzteil richtig zu verstehen, hilft es, mit den letzten Worten zu beginnen: „… alles, was er sah“. Das, was er gesehen hat, war das „Wort Gottes“ und das „Zeugnis Jesu Christi“. Die Offenbarung ist „Gottes Wort“ und keine Erfindung von Menschen. Das verleiht diesem Buch volle Autorität. Gott ist der Ursprung von allem, was uns in diesem Buch berichtet wird. Zugleich ist die Offenbarung das „Zeugnis Jesu Christi“. Er ist es, der uns dieses „Wort Gottes“ bezeugt und mitgeteilt hat und zugleich ist die Offenbarung auch ein Zeugnis über Ihn (Off 19,10). In der Welt wird viel über die Zukunft spekuliert. Es herrscht große Unsicherheit. Aber das Zeugnis Jesu ist über jeden Zweifel erhaben, es ist absolut sicher, es trifft genau ein. Er ist der treue Zeuge (V. 5).

Glückselig …

Das inhaltsreiche Vorwort endet in Vers 3 mit einer Seligpreisung. Es ist die erste von insgesamt sieben in der Offenbarung (Kap. 1,3; 14,13; 16,15; 19,9; 20,6; 22,7; 22,14). Sie macht den besonderen Segen, der mit dem Studium dieses Buches verbunden ist, deutlich. Nirgends sonst wird das so von einem Bibelbuch gesagt, während es sich in der Offenbarung gleich zu Beginn und am Ende findet.

Worin besteht dieser Segen für uns?

  • Wir bekommen bei der Beschäftigung mit der Offenbarung einen wunderbaren Eindruck von der Person unseres Herrn und Heilands.
  • Wir bekommen Licht, um unseren Weg in einer dunklen Zeit zur Ehre des Herrn gehen zu können (2. Pet 1,19).
  • Wir erfahren, was dieser Erde noch bevorsteht, wie sich die Macht Satans hier offenbaren wird und wie das Böse gerichtet werden wird. – Und vor all diesem sind wir aus Gnade gerettet, das soll uns dankbar machen und löst uns von dieser Welt.
  • Wir bekommen Gewissheit, dass unser Herr am Ende siegen wird und eine wunderbare Zukunft für Ihn, für uns als Erlöste, für sein irdisches Volk und die ganze Erde bevorsteht.

… der da liest und die da hören die Worte der Weissagung …

Dieser Segen gilt jedem Leser und Hörer der Offenbarung. Den Gläubigen damals stand das Wort Gottes noch nicht immer und überall schriftlich zur Verfügung. Daher wurde es in den Zusammenkünften öffentlich vorgelesen, so dass es alle hören konnten. Wir können heute alle eine Bibel haben und persönlich darin lesen. Schätzen und nutzen wir dieses Vorrecht? Ein Knecht Gottes zeichnet sich dadurch aus, dass er das Wort gerne liest und hört.

… und bewahren, was in ihr geschrieben ist …

Wir sollen die Worte der Weissagung allerdings nicht nur lesen und hören, sondern auch „bewahren“. Das bedeutet, dass sie einen Platz in unserem Herzen bekommen, dass sie unser Besitz werden und unser Leben beeinflussen. Wie wertvoll es für Gott ist, wenn wir sein Wort bewahren, erkennen wir an dem großartigen Segen, der in Johannes 14,21-24 damit verbunden wird. Auch die Worte des Herrn in Lukas 11,28 unterstreichen das: „Ja, vielmehr glückselig die, die das Wort Gottes hören und bewahren!“

Die Aufforderung, den Inhalt der Offenbarung zu bewahren, kommt am Ende des Buches noch einmal vor (Kap. 22,7). Sie bildet somit einen bedeutsamen Rahmen um dieses Buch.

… denn die Zeit ist nahe

Noch einmal wird betont, was in Vers 1 mit den Worten „was bald geschehen muss“ gesagt wurde. Die bestimmte Zeit, in der sich alle Weissagungen der Offenbarung erfüllen werden, steht „nahe“ bevor. Daher wollen wir uns als Knechte Gottes durch dieses Bibelbuch motivieren lassen, dem Herrn im Blick auf eine herrliche Zukunft für die Gläubigen bis zum Ende treu zu dienen und die ungläubigen Menschen um uns herum vor dem kommenden Gericht zu warnen.

Zusammenfassung:

Die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, ist aufgrund ihrer bildreichen Sprache und ihres prophetischen Inhalts nicht einfach zu verstehen. Allerdings ist sie kein verschlossenes und geheimnisvolles Buch, sondern ein Buch, in dem Gott uns einen Blick in die Zukunft tun lässt. Sie beginnt mit einem inhaltsreichen Vorwort, das manche nützliche Hinweise enthält, um den Inhalt und einige Besonderheiten der Offenbarung richtig zu verstehen. Zudem stellt es den besonderen Segen vor, der mit dem Studium dieses Buches verbunden ist. Es lohnt sich, dieses Bibelbuch näher kennenzulernen!


  • FN 1: Diese Redewendung leitet sich von dem ab, was Johannes in Offenbarung 5 sah.

Stefan Ulrich

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2020, Heft 8, Seite 17

Bibelstellen: Offenbarung 1,1-3; 22,10; Epheser 1,10; Markus 13,32; u. a.;

Stichwörter: Offenbarung, prophetisches Buch, Weissagung, Zukunft