Allein die Schrift
Frage: Widerspricht 2. Timotheus 3,16.17 nicht dem Prinzip „Allein die Schrift“? Diese Stelle sagt, die Schrift sei nützlich (und nicht: ausreichend oder die einzige Quelle). Ein Kompass ist nützlich zur Navigation, aber nicht das einzige Werkzeug. Außerdem fordert Paulus Timotheus auf, an dem festzuhalten, was er von anderen Personen gelernt hat (V. 14)! Das betont die Tradition (mündliche Weitergabe) als notwendiges Fundament. Hinzu kommt, dass es zur Zeit der Niederschrift das Neue Testament noch gar nicht als Buch gab. „Schrift“ meint also hier das Alte Testament. Der Grundsatz „Allein die Schrift“ würde hier also das Neue Testament ausschließen. Und noch etwas: Die Bibel selbst sagt nicht, welche Bücher zu ihr gehören. Erst die Kirche legte den Kanon fest. Es wird also die Autorität der Kirche vorausgesetzt, damit etwas überhaupt als „gottangehaucht“ erkannt werden kann. Die Schrift funktioniert nur im Zusammenspiel mit der Tradition und dem Lehramt, also einer außerhalb ihrer selbst liegenden Autorität.
Antwort: Das ist eine klassische Argumentation, die oft aus katholischer oder orthodoxer Sicht gegen den Grundsatz Sola Scriptura („allein die Schrift“) angeführt wird. Dieser von Luther geprägte Satz drückt den – durchaus wahren – Grundsatz der Reformation aus, dass die Wahrheit durch die Bibel vermittelt wird und nicht durch Zusätze, wie etwa kirchliche Tradition, erweitert oder geändert werden kann oder darf.
Die Stelle aus 2. Timotheus 3 widerspricht dem Grundsatz Sola Scriptura überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Sie untermauert ihn. Das Wort Gottes hat Autorität über die Kirche (Versammlung), nicht umgekehrt.
Zu den angesprochenen Punkten im Einzelnen:
1. Nur nützlich (V. 16) oder auch vollkommen ausreichend (V. 17)?
Man darf Vers 16 nicht ohne Vers 17 lesen. Paulus schreibt, das Ziel der Schrift sei, dass „der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“. Wenn die Schrift jemanden „vollkommen“ und „völlig geschickt“ macht, fehlt nichts. Ein Werkzeug, das ein Ziel vollständig erreicht, ist per Definition ausreichend.
2. Zu Vers 14 (Tradition vs. apostolische Lehre)
Paulus verweist Timotheus auf das, was er gelernt hat – aber von wem? In erster Linie von Paulus selbst, also von einem Apostel: „… da du weißt, von wem du gelernt hast …“
(2. Tim 3,14). Das wird auch durch Vers 10 unterstrichen: „Du aber hast genau erkannt meine Lehre“. So auch in Kapitel 2: „… und was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast …“ (V. 2).
Timotheus hatte natürlich auch von anderen gelernt. Das Wort „wem“ steht im Plural, so dass auch übersetzt werden kann: „da du weißt, von welchen [Personen] du gelernt hast“. Aber auch hier ging es nicht um persönliche Meinungen, sondern um die Autorität des inspirierten Wortes. Daher fährt Paulus fort: „und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst …“ (2. Tim 3,15). Die Weitergabe des Wortes Gottes erfolgte also durch verschiedene Kanäle: durch den Apostel Paulus ebenso wie durch andere Apostel oder Propheten. Sie alle haben inspiriert gesprochen, geschrieben und das Wort Gottes bezeugt. Dasselbe gilt für die Schreiber des Alten Testaments. In jedem Fall lag die Autorität im Wort Gottes. Niemand hat Autorität über das Wort Gottes.
Die Reformatoren haben nie geleugnet, dass die Wahrheit mündlich verkündigt wurde. Aber: Nachdem die Apostel starben, wurde die inspirierte Schrift zur einzigen prüfbaren Norm. Einer „Tradition“, die der geschriebenen Lehre der Apostel widerspricht, fehlt jegliche Legitimität, eben weil sie Gottes Wort widerspricht. Beispiele dafür gibt es viele – man denke nur an das Papsttum, an die Idee, dass ein Priestertum zwischen „anderen“ Gläubigen und Gott vermittelt, oder auch an die Lehre der Wiedergeburt durch Taufe, ganz zu schweigen von Heiligen- oder gar Reliquienverehrung.
3. Zum Umfang der Schrift (Altes vs. Neues Testament)
Die Apostel wussten, dass ihre eigenen Briefe und die der anderen Apostel Autorität besaßen und haben das ausdrücklich bestätigt (vgl. 2. Pet 3,15.16, wo Petrus die Briefe von Paulus bereits zur „Schrift“ zählt, und 1. Tim 5,18, wo Paulus das Lukasevangelium als „Schrift“ anerkennt). Das Prinzip von 2. Timotheus 3,15.16 ist ein Wesensmerkmal von Gottes Wort: Sobald Gott spricht, ist dieses Wort die höchste Norm. Das gilt für die 39 Bücher des AT und es gilt ebenso für die 27 Bücher des NT.
4. Zur Autorität der Kirche und dem Kanon
Die Schrift ist „gotteingehaucht“ (nicht nur „gottangehaucht“), weil Gott sie eingegeben hat, nicht weil die Kirche ihr diesen Status verliehen hätte. Die Kirche hat nicht etwa den Kanon „erschaffen“. Vielmehr haben die Apostel die zum Kanon gehörenden Bücher als solche erkannt. Die Konzilien in Hippo und Karthago (Ende des 4. Jahrhunderts) haben dies nur gegen Angriffe von „rechts und links“ bestätigt, nicht, wie oft behauptet, „autoritär festgelegt“.
Ein Juwelier, der einen Diamanten als echt erkennt, gibt dem Diamanten weder seine Härte noch seinen Wert – der Wert liegt in der Natur des Steins.
„In Ewigkeit, Herr, steht dein Wort fest in den Himmeln“.
(Ps 119,89)
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