Gott / Jesus Christus

Das Brandopfer

Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter.

Johannes 4,23

Gedanken zu 3. Mose 1

In Johannes 5,39 sagt der Herr Jesus: „… die Schriften … sind es, die von mir zeugen.“ Damit bezieht Er sich nicht nur auf konkrete Prophezeiungen des Alten Testaments, sondern auch auf die vielen Vorbilder, die dort zu finden sind. Besonders eindrücklich sind dabei die Stellen über die Opfer, wie der Brief an die Hebräer zeigt. Denken wir nur an Hebräer 9,11-14 und 10,10-14. In diesen Schriftstellen wird das ein für alle Mal vollbrachte Werk unseres Herrn am Kreuz den vielen Tieropfern gegenübergestellt. „Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden wegnehmen können. Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes“ (Heb 10,10-12).

Die für Gott bestimmten alttestamentlichen Opfer stellen uns die Person und das Werk Christi vor. Die Beschäftigung damit fördert unser Verständnis und unsere Wertschätzung für Ihn und sein vollkommenes Opfer. Das wiederum soll uns dazu führen, auch selbst „geistliche Schlachtopfer“ zu bringen (1. Pet 2,5). Das schönste und erhabenste Vorbild ist wohl das Brandopfer, das Gegenstand dieser Betrachtung sein soll.

Gott redet

Nach dem Auszug Israels aus Ägypten hatte Gott seine Mitteilungen an das Volk anfänglich auf dem Berg Sinai gegeben. In 3. Mose 1,1 redet Er jedoch zu Mose erstmalig „aus dem Zelt der Zusammenkunft“. Dieser Ausdruck gleich am Anfang des Buchs hebt den Gedanken der Gemeinschaft zwischen dem Volk Gottes und dem Herrn hervor. Gott, der Herr, wohnte seit der Einweihung des Zeltes (2. Mo 40) inmitten seines erlösten Volkes und sprach aus seiner Wohnung zu Mose. Das „Zelt der Zusammenkunft“ ist einerseits ein Abbild von himmlischen Dingen, zeigt aber auch den wahren Charakter des Zusammenkommens der Versammlung im Namen des Herrn
(Heb 9,23.24; 10,25). Das hier mit „Zusammenkunft“ übersetzte hebräische Wort (mo’ed) bedeutet eigentlich „bestimmte Zeit (um Gott zu nahen)“ und wird in diesem Sinn auch für die Feste des HERRN in 3. Mose 23 benutzt.

Das Besondere am Brandopfer

Das erste Thema des dritten Buchs Mose sind Opfer: das Brandopfer, das Speisopfer, das Friedensopfer und das Sünd- und Schuldopfer (3. Mo 1-7). Beim Brandopfer in Kapitel 1 fallen zwei Dinge auf: erstens, dass es vor allen anderen Opfern genannt wird, und zweitens, dass Gott nicht bei der niedrigsten Stufe dieses Opfers, der Turteltaube oder der jungen Taube, sondern bei der höchsten beginnt, dem männlichen Rind oder dem Stier. Dadurch zeigt Er uns, wie wichtig Ihm dasjenige ist, was seinen Gedanken am meisten entspricht. Ähnlich ist es beim Zelt der Zusammenkunft, dessen Beschreibung mit der Bundeslade im Allerheiligsten beginnt. So ist es auch bei den drei Wachstumsstufen der Gläubigen: Der Apostel Johannes beginnt mit der höchsten Stufe, den geistlichen Vätern in Christus und nicht mit den kleinen Kindern oder den Jünglingen (2. Mo 25; 1. Joh 2). Gott stellt uns als Erstes sein eigenes Ziel vor die Blicke, weil Er die Seinen auch dahin führen möchte, damit sie mit Ihm in Gemeinschaft sind. Menschen hätten dagegen wohl eher mit dem Niedrigsten begonnen, um danach allmählich zum Höheren und Höchsten aufzusteigen.

Das einmalige Opfer Christi und die Opfer der Anbetung

In diesem Kapitel finden wir die ausführlichste Beschreibung des Brandopfers überhaupt. Es handelt sich um eine typologische Beschreibung, jedoch nicht des ein für alle Mal vollbrachten Werkes Christi an sich (objektiv), sondern der Wertschätzung dieses Opfers durch den Gläubigen (subjektiv). Das wird beim Vergleich mit 2. Mose 29,38-46 deutlich. Dort haben wir das beständige Brandopfer vor uns, das jeden Morgen und jeden Abend gebracht werden musste (vgl. auch 4. Mo 28, 1-8). Die Angehörigen des Volkes waren daran nicht beteiligt. Wir können daraus schließen, dass die Opfer an den von Gott festgesetzten Tagen (besonders an den Festen des HERRN) vom Erlösungswerk Christi an sich sprechen. Diese bildeten gewissermaßen die Grundlage der Beziehungen Gottes zu seinem Volk. Durch ihre ständige Wiederholung zeigen sie jedoch auch, dass sie an sich unvollkommen sein mussten (vgl. Heb 10,1-4).

In 2. Mose 29,38 spricht Gott zu Mose, dem Führer und Repräsentanten Israels, und sagt: „Und dies ist es, was du auf dem Altar opfern sollst“. Im Unterschied dazu sagt Gott hier: „Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mensch von euch dem HERRN eine Opfergabe darbringen will …“ (3. Mo 1,2). Hier steht also der einzelne Israelit vor uns, ein Bild eines Gläubigen in der heutigen Zeit. Gott macht zugleich deutlich, dass es um ein freiwilliges Opfer geht, das ein Israelit Gott persönlich darbringen konnte.

Diese Unterscheidung finden wir auch im Neuen Testament. Dort ist einerseits vom „ein für alle Mal geschehenen Opfer des Leibes Jesu Christi“ die Rede (Heb 10,10; vgl. Röm 6,10). Unser Herr ist in seinem einzigartigen Erlösungswerk die Erfüllung aller regelmäßig gebrachten Opfer des Alten Bundes (s. dazu besonders Heb 10,1-14)[1]. Andererseits wird von Opfern gesprochen, die wir als Erlöste Gott, unserem Vater, darbringen (Heb 13,15; 1. Pet 2,5). Diese Opfer sind „geistliche Schlachtopfer“, die wir immer wieder erneut bringen dürfen. Es ist klar, dass diese Opfer das einmalige Opfer Christi zum Gegenstand haben – dennoch werden wir darüber zusätzlich durch die Vorbilder des Alten Testaments belehrt. Das freiwillige Brandopfer der Israeliten in 3. Mose 1 ist nicht vom täglichen Brandopfer in 2. Mose 29 zu trennen, das von Christus und seinem Werk spricht. Das Erlösungswerk unseres Erretters ist für Gott so kostbar, dass Er es in unserer Anbetung immer wieder sehen möchte. So wie jenes für Ihn „zu einem duftenden Wohlgeruch“ war, sind auch unsere geistlichen Schlachtopfer „Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“ (Eph 5,2; 1. Pet 2,5).

Im Unterschied zu den ständigen Opfern, wo die Art und Größe der Opfer unabänderlich vorgeschrieben war, durfte es bei den freiwilligen Opfern gewisse „Abstufungen“ geben. Außer dem Rind durften auch Schafe, Ziegen und sogar Tauben dargebracht werden. In 3. Mose 5,7 und 11 wird beim Sünd- und Schuldopfer der Grund dafür angegeben: „Wenn seine Hand … nicht aufbringen kann“. Das gilt wohl auch für das Brandopfer und ist ein bildlicher Hinweis auf die geistliche Fähigkeit und das Verständnis des Opfernden.

Wir neigen dazu, in erster Linie an uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse und Vorlieben zu denken. In unserer Zeit wird das geradezu als ideales Ziel des menschlichen Strebens dargestellt. Doch Gott sucht bei den Seinen ein Echo auf seine eigene Liebe, die Er in der Gabe seines geliebten Sohnes offenbart hat. Seine Freude ist es, Menschen zu finden, die seine Liebe zu seinem Sohn, sein Wohlgefallen an Ihm in einem gewissen Maß verstehen. Er sagte zu Mose: „Wenn ein Mensch von euch dem Herrn eine Opfergabe darbringen will …“, und Er ließ durch seinen eigenen Sohn sagen: „Denn auch der Vater sucht … Anbeter“ (Joh 4,23). Das freiwillige Brandopfer der Israeliten stellt uns das bildlich vor. 

Das Wesen des Brandopfers

Das Brandopfer war das höchste aller Opfer, denn es war als einziges vollkommen für Gott bestimmt. Es wurde vollständig auf den Altar gelegt und dann mit Feuer verbrannt (bis auf die Haut, darauf kommen wir noch zurück). Aber dieser Akt wird nicht „Verbrennen“ genannt, sondern „Räuchern“. Es heißt nämlich: „Der Priester soll das Ganze auf dem Altar räuchern: Es ist ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem Herrn“ (V. 9). Das ist ein Bild der wahren Anbetung Gottes, des Vaters. Das Wort „räuchern“ wird hauptsächlich für das heilige Räucherwerk verwendet (2. Mo 30,1-10; 34-38). Der liebliche Geruch, der vom Brandopfer zu Gott aufstieg, wird zwar auch beim Speisopfer, beim Friedensopfer und sogar beim Sünd-/Schuldopfer erwähnt (3. Mo 2,2; 3,5; 4,31). Doch dort betrifft er nur bestimmte Teile des Opfers, besonders das Fett, was als das Beste angesehen wurde (vgl. 4. Mo 18,12). Beim Brandopfer wurde jedoch das ganze Tier auf dem Altar zum lieblichen Geruch für den Herrn geräuchert. Das zeigt uns einerseits die Einzigartigkeit und Annehmlichkeit des Opfers, das der Herr Jesus am Kreuz für Gott, den Vater, dargebracht hat, andererseits aber auch das Wohlgefallen Gottes an unseren geistlichen Opfern (vgl. Eph 5,2; Heb 13,15; 1. Pet 2,5).

Das Brandopfer zeigt uns das Werk Christi unter dem Aspekt der Verherrlichung Gottes, des Vaters. Es war zwar nötig um der Sünde willen, denn es wurde auch zur „Sühnung“ dargebracht. Doch die Sühnung ist hier mehr im Blick auf Gott zu sehen, nicht so sehr im Blick auf den Menschen. Nicht die Bedürfnisse des Sünders, sondern die Verherrlichung Gottes steht im Blickfeld. Das Brandopfer war das einzige Schlachtopfer, das ganz dargebracht, geräuchert wurde zum lieblichen Geruch, und von dem kein Mensch etwas essen durfte. Aufgrund des einmaligen Brandopfers Christi am Kreuz wurde Gott verherrlicht und kann jetzt der ganzen Welt Versöhnung anbieten, weil eine vollkommene Sühnung vollbracht ist. Diesen Aspekt sehen wir im Neuen Testament besonders im Johannesevangelium und im Epheserbrief.

Das Räuchern des Brandopfers verströmte für Gott einen Wohlgeruch, einen „lieblichen Geruch“. Eigentlich bedeutet dieser Ausdruck „Geruch der Beruhigung“. Durch die Sünde ist die Beziehung zwischen den Menschen und Gott zutiefst gestört, ja zerbrochen (vgl. Röm 3,9-18; 5,12-15). Durch das Blut des Opfers wird nun Sühnung vollbracht, und durch den Wohlgeruch des Opfers wird Gott verherrlicht. Das bedeutet, dass der Herr Jesus viel mehr getan hat, als zu unserer Errettung nötig war. Er hat zwar eine vollkommene Sühnung für die Sünde und die Sünden der Menschen erbracht. Aber Er hat durch seine Hingabe am Kreuz Gott auch vollkommen geehrt und verherrlicht. Da, wo Adam und alle seine Nachkommen durch die Sünde Gott entehrt und den Tod verdient hatten, hat Er in seinem vollkommenen, Gott geweihten Leben und durch seinen Gehorsam, ja seine freiwillige Hingabe bis in den Tod, Gott unendlich erfreut und verherrlicht. Das ist die Bedeutung des Brandopfers. Und das zu verstehen, führt uns zur Anbetung.

Anbetung ist nicht dasselbe wie Dank oder Lob. Wir danken für etwas, was wir empfangen haben. Wir loben jemand für etwas, was Er getan hat, auch wenn es nicht direkt für uns geschehen ist. Doch werden wir sowohl zum Danken als auch zum Lob aufgefordert: „Danksagend dem Vater, der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht“ (Kol 1,12), und: „Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“ (Heb 13,15).

Aber Anbetung ist mehr als dies. Sie ist nicht nur mit dem beschäftigt, was wir empfangen haben, und nicht nur mit dem, was unser Herr getan hat, sondern mit der Größe und Herrlichkeit seiner Person und mit dem, was Er für seinen Gott und Vater bedeutet. So vereinigen sich bei unserer Anbetung sozusagen unsere Blicke und Gedanken mit denen des Vaters in der Person seines geliebten Sohnes. Gewiss gehen die Gedanken über Dank, Lob und Anbetung ineinander über, aber der Hauptgedanke beim Brandopfer und bei der Anbetung ist doch unsere Gemeinschaft mit dem Vater in der Betrachtung seines Sohnes, der unser Erlöser geworden ist.

Dass es in diesem Abschnitt um freiwillige Opfer eines Israeliten für Gott geht, zeigen die Worte: „Wenn ein Mensch von euch dem Herrn eine Opfergabe darbringen will …“ (V. 2). Das Brandopfer und die beiden folgenden Opfer, das Speisopfer und das Friedensopfer, werden nicht von Gott gefordert, sondern sind freiwillige „Darbringungen, Nahebringungen“ (so die ursprüngliche Bedeutung des hebräischen Wortes korban „Opfergabe“) der Seinen. Gott zwingt uns nicht, Ihn anzubeten. Deshalb sagt der Herr Jesus zu der Frau am Brunnen von Sichar: „Denn auch der Vater sucht … Anbeter“ (Joh 4,23). Es ist für unseren Gott und Vater eine Freude, Erlöste zu finden, die sein Wohlgefallen an seinem geliebten Sohn teilen und das schon hier auf der Erde in ihrer Anbetung zum Ausdruck bringen, wenn auch in schwachem Maß. In der Herrlichkeit des Himmels wird die Anbetung Gottes und des Lammes ungestört und ungehindert vollendet werden. Haben wir in Offenbarung 5 nicht einen wunderschönen Hinweis auf unsere zukünftige Anbetung in der Herrlichkeit, wo wir die vierundzwanzig Ältesten rings um das Lamm und den Thron Gottes vereint sehen, wie sie zum Schluss schweigend vor dem Lamm niederfallen (Off 5,13.14)?

Ähnlich wie die Aufforderung hier in Vers 2 „so sollt ihr vom Vieh, vom Rind- und Kleinvieh, eure Opfergabe darbringen“, lauten auch die Worte des Herrn Jesus an die Frau bei Sichar: „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“ (Joh 4,24). Zwar sucht der Vater Anbeter, aber wenn die Erlösten Ihm Anbetung bringen möchten, so bestimmt Er als der souveräne Gott, wie diese Anbetung geschehen muss. Da gilt nur der bestimmte Wille unseres Gottes. Anbetung „in Geist“ entspricht dem Wesen Gottes, der selbst Geist ist. Anbetung „in Wahrheit“ entspricht seiner Offenbarung in der gegenwärtigen Zeit. Gott hat sich als Vater in seinem Sohn offenbart (s. Joh 1,14-18). Demgemäß soll auch unsere Anbetung sein, die wir als Kinder und Priester Ihm als unserem Gott und Vater bringen (Off 1,5.6).

Es gab verschiedene „reine“ Tiere, die die Kinder Israel essen durften (s. 3. Mo 11). Doch für die Opfer kam nur zahmes Vieh in Frage. Das entsprach dem Wesen dessen, der von sich sagte: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Wilde, ungezähmte Tiere, auch wenn sie rein waren wie Hirsch und Gazelle, konnten kein Bild des Herrn Jesus sein.[2]

Es ist bemerkenswert, dass Gott hier nur Rind- und Kleinvieh erwähnt, ab Vers 14 jedoch auch vom Geflügel spricht. Er erlaubt also etwas, was Er anfänglich nicht genannt hat. Sehen wir darin nicht seine Gnade? Er sieht nicht nur die Größe des Opfers, sondern das Herz, auch wenn wenig geistlicher Besitz oder Reichtum vorhanden ist (vgl. Lk 21,2-4).

Die Handlungen des Opfernden

Erst in 3. Mose 1,3 wird das Brandopfer ausdrücklich genannt. Es bedeutet eigentlich „Aufsteigendes“ (hebr. ‘ola). Es ist das einzige Opfer, das vollständig auf dem Altar zum Wohlgefallen Gottes geräuchert wurde.

Die höchste Form des Brandopfers war das Rind. Es spricht von der geistlichen Kraft und Standhaftigkeit Christi auf seinem Weg bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz (Phil 2,8; vgl. Lk 9,51). Das Männliche ist ein Bild der Kraft, in der eine Stellung verwirklicht wird. Darin steht unser Herr einzigartig da als der vollkommene Mensch.

Das zum Brandopfer bestimmte Tier musste ohne Fehl (eig. „vollkommen“; vgl. 1. Pet 1,19) sein. Diese Vollkommenheit sehen wir bei Christus besonders in den Evangelien, aber nicht nur dort (vgl. 2. Kor 5,21; 1. Pet 2,21f; 1. Joh 3,5). Er allein war auch nicht nur „ohne Fehl“, was auf die Stellung hinweisen könnte, sondern auch „ohne Flecken“, was eher auf die Praxis hinweist.

Der Israelit musste das zum Brandopfer bestimmte Tier aus seiner Herde auswählen und prüfen, ob es „vollkommen“ war. Das brauchen wir heute nicht zu tun, denn für uns gibt es ja nur ein einziges Opfer, den Herrn Jesus. Wir können das Opfer auch nicht prüfen, wohl aber dürfen wir es von allen Seiten in seiner Vollkommenheit betrachten. Dadurch werden wir die Vollkommenheit und Schönheit des einen Opfers Jesu Christi besser verstehen und darüber anbeten können.

Der Israelit musste das Opfertier zunächst an den „Eingang des Zeltes der Zusammenkunft“ bringen (V. 3). Das erinnert uns an das Zusammenkommen im Namen des Herrn. Gott wohnte im Zelt, im Allerheiligsten, und sein Thron war zwischen den Cherubim auf dem Sühndeckel der Bundeslade (4. Mo 7,89; 1. Sam 4,4). Vor dem Zelt stand der kupferne Brandopferaltar, der sowohl ein Bild vom Kreuz als auch vom Tisch des Herrn ist (s. Kol 1,20; Mal 1,7.12). Die Gemeinschaft der Gläubigen beruht auf dem vollbrachten Erlösungswerk Christi und findet ihren Ausdruck in dem Kelch und dem Brot, den Zeichen seines Todes. Hier findet die höchste gemeinsame Anbetung der Erlösten statt.

Wenn wir im Neuen Testament auch keine genaue Angabe finden, wo wir anbeten sollen, weist uns dieses Vorbild doch darauf hin. Da, wo der Herr Jesus selbst in der Mitte der in seinem Namen Versammelten ist, findet unsere Anbetung ihren höchsten Ausdruck (Eph 3,21; Heb 2,12). Zwei Stellen im Neuen Testament zeigen uns, dass wir als Priester Gott geistliche Schlachtopfer darbringen dürfen. In 1. Petrus 2,5 werden wir als geistliches Haus und als „heilige Priesterschaft“ gesehen, um „geistliche Schlachtopfer darzubringen, die Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“ sind. Eine „Priesterschaft“ bezeichnet eine Körperschaft von Priestern, die gemeinsam Gott dienen. Und in Hebräer 13,15 schließt der Schreiber sich selbst mit ein, wenn er die Empfänger des Briefes auffordert: „Durch ihn [d. i. Christus] lasst uns Gott stets ein Opfer [eig. Schlachtopfer] des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“. Unmittelbar danach werden in Vers 16 unsere Opfer des Wohltuns und Mitteilens genannt, die nach 1. Korinther 16,2 an jedem ersten Wochentag jeder zunächst bei sich zurücklegen sollte, um sie dann in der Zusammenkunft bei der Sammlung der Gaben einlegen zu können. Und schließlich: Könnte es eine erhabene und schönere Gelegenheit geben, unseren Gott und Vater in Geist und Wahrheit anzubeten als dann, wenn wir zum Gedächtnis seines geliebten Sohnes, unseres Erlösers und Herrn, in seinem Namen versammelt sind? Ja, noch mehr: Können wir uns von Herzen mit dem kostbaren Werk unseres Erlösers beschäftigen, ohne dass wir dadurch zur Anbetung geführt werden?[3]

Schon das Herbeibringen des Opfertiers durch den opfernden Israeliten am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft diente „zum Wohlgefallen für ihn vor dem Herrn“ (vgl. zu diesem Ausdruck Ps 19,15). Hier geht es bildlich um unsere Beziehung zu unserem Herrn. Gott hat Wohlgefallen daran, wenn die Seinen im Bewusstsein ihrer engen Beziehung zu seinem geliebten Sohn vor Ihm erscheinen. Das Wohlgefallen ist hier also dasjenige, das Gott an uns hat, die wir Wohlgefallen an dem Herrn Jesus haben.

In Vers 4 folgt die zweite Handlung: „Er soll seine Hand auf den Kopf des Brandopfers legen“. Dadurch verbindet der Opfernde sich mit dem Opfertier. Handauflegung bedeutet in der Heiligen Schrift grundsätzlich Einsmachung (vgl. 1. Tim 5,22). Sie hat hier jedoch eine andere Auswirkung als beim Sündopfer in Kapitel 4,29 und 16,21. Beim Brandopfer geht durch die Handauflegung die Annehmlichkeit des Opfers auf den Opfernden über. Beim Sündopfer dagegen wird die Schuld von dem Sünder auf das Opfer übertragen. Beim Friedensopfer sehen wir im Auflegen der Hand den Ausdruck der Gemeinschaft (Kap. 3,2).

Die Auflegung der Hand des Opfernden bewirkt, dass „es wohlgefällig für ihn sein wird, um Sühnung für ihn zu tun“ (V. 4). Der Mensch steht nun vor Gott im ganzen Wohlgefallen des Opfers, das er darbringt. Und gerade das ist hier das Kennzeichen der Sühnung. Durch das Brandopfer ist Gott so verherrlicht worden, dass Er jetzt jedem, der dieses Werk im Glauben annimmt, vollkommene Sühnung seiner Schuld anbietet. In 3. Mose 17,11 sehen wir, dass es das Blut ist, wodurch die Sühnung geschieht (vgl. Röm 3,25). Aber der Herr Jesus hat viel mehr getan als sein Blut zu vergießen, damit uns die Sünden vergeben werden können. Er hat durch sein Werk am Kreuz seinen Gott und Vater so verherrlicht, dass jeder Gläubige „in Christus“ begnadigt (oder: angenehm gemacht) wird. Das sollten wir nie vergessen!

In 3. Mose 16,17 wird uns die Sühnung durch das Blut des Sündopfers auf dem Sühndeckel vorgestellt, und in Vers 24 des gleichen Kapitels die Sühnung durch das Brandopfer. Die ursprüngliche Bedeutung von „sühnen“ (hebr. kaphar) ist „bedecken[4]. Wahre Sühnung konnte auch im Vorbild nur durch ein Opfer für Gott erfolgen. Die vollkommene Erfüllung sehen wir in Christus und seinem Opfer. „Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt“ (1. Joh 2,2; vgl. Kap. 4,10).

In Vers 5 folgt die zweite Handlung des opfernden Israeliten: „Und er soll das junge Rind schlachten vor dem Herrn.“ Er befindet sich nun am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft, wo auch der Brandopferaltar, der Tisch des Herrn, steht. Dort bringt er als Bild eines Gläubigen die Erinnerung an den Tod des Herrn zum Ausdruck. Es ist bemerkenswert, dass im Neuen Testament auch für unsere geistlichen „Opfer“ gewöhnlich ein Wort benutzt wird, das eigentlich „Schlachtopfer“ bedeutet. Natürlich schlachten wir dabei keine Tiere. Aber der Gedanke an das große, ein für alle Mal vollbrachte Schlachtopfer Jesu Christi steht auch bei unserer Anbetung immer im Vordergrund. Vor dem Angesicht Gottes gedenken wir an den Tod Christi, und wir „verkündigen den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1. Kor 11,26).

Die Tätigkeit der Priester

Jetzt ändert sich der Charakter derer, die mit dem Opfer beschäftigt sind. Bisher war nur von dem Israeliten die Rede, ab jetzt treten die Priester in Aktion. Beide sind Bilder von Erlösten, aber unter verschiedenen Gesichtspunkten. Alle wahren Gläubigen gehören zum gegenwärtigen Volk Gottes (1. Pet 2,10; vgl. Apg 15,14). Sie sind aber auch alle zu Priestern gemacht worden (Off 1,6). Das steht im Gegensatz zu Israel, wo nur eine einzige Familie aus dem Stamm Levi, die Familie Aarons, zum Priesterdienst berufen war. Nur die Priester durften in das Heiligtum Gottes eintreten und dort ihren Dienst ausüben. Und nur der Hohepriester durfte in das Allerheiligste kommen, und zwar nur einmal im Jahr. Heute sind jedoch alle Erlösten Priester und dürfen mit Freimütigkeit durch den zerrissenen Vorhang in das Allerheiligste und in die Gegenwart Gottes eintreten. Denn der Herr Jesus, der wahre Hohepriester, ist nach der Vollendung seines Sühnungswerkes ein für alle Mal dort eingetreten (Heb 9,12; 10,19). Doch viele Christen sind sich ihrer hohen und heiligen Berufung als Priester nicht bewusst. Daran sehen wir, dass die Vorbilder des Alten Testaments uns die Lehre des Neuen Testaments zwar bildlich darstellen, aber so wie es in der Praxis aussieht. Auch heute üben bei weitem nicht alle Christen wahren Priesterdienst aus, obwohl grundsätzlich alle dazu befähigt und berufen sind.

Hier ist zu bemerken, dass Aaron, der Hohepriester, gewöhnlich ein Bild des Herrn Jesus als unseres Hohepriesters ist (Heb 3,1; 4,14)[5]. Die „Söhne Aarons“, die Priester, sind dagegen ein Bild der Gläubigen.

Die Priester waren dazu berufen, sich täglich in der heiligen Atmosphäre der Wohnung Gottes bei seinem Volk aufzuhalten. So waren sie gewohnt, sich in seiner Gegenwart zu befinden. Sie wussten genau, was sich dort geziemt und was nicht. Sie waren immer mit dem Opfer beschäftigt und befanden sich beständig in dieser Atmosphäre des Wohlgefallens Gottes. Daher waren sie auch fähig, nach Gottes Gedanken zwischen heilig und unheilig, rein und unrein zu unterscheiden und sozusagen aus dem Heiligtum heraus dem Volk Gottes sein Wort zu erklären (s. 3. Mo 10,8-11). Das ist eine interessante und wichtige Einzelheit. Die Aufgaben der Priester waren sowohl auf Gott als auch auf das Volk ausgerichtet (s. 5. Mo 33,10; Mal 2,7). Wenn wir dies auf uns anwenden, finden wir durch die Beschäftigung mit dem Opfer Christi und in der heiligen Gegenwart Gottes das richtige geistliche Urteil in unserem täglichen Glaubensleben.

Das Blut

Die erste Handlung der Priester, „der Söhne Aarons“, betrifft das Blut des Opfers, das beim Schlachten vergossen wird. Das Vergießen des Bluts weist symbolisch auf die Hingabe des Lebens in den Tod und damit auf das Sterben hin, hier natürlich in der Erinnerung des Opfernden (s. 3. Mo 17,11; Jes 53,12). Die Priester, die Söhne Aarons, sind diejenigen, die das dabei geflossene Blut auffangen und sogleich „herzubringen und … ringsum an den Altar sprengen, der am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft ist.“ (V. 5b). Für wahres geistliches Verständnis der Bedeutung des Bluts ist ein priesterlicher Charakter, die Kenntnis der Gedanken Gottes, erforderlich.

Durch das Sprengen ringsum an den Altar wird das Blut des Opfers am Brandopferaltar im Vorhof für jedermann sichtbar gemacht. Darin kommt die Wertschätzung des kostbaren Bluts Christi zum Ausdruck. Ob der Apostel Paulus deshalb in 1. Korinther 10,16 in seiner Erklärung des Tisches des Herrn das Blut Christi vor dem Brechen des Brotes erwähnt? Normalerweise steht ja das Brot an erster Stelle. Der Altar „am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft“ ist, wie schon erwähnt, ein Bild des Tisches des Herrn.

Das Blut Christi, von dem das Opferblut spricht, ist in Gottes Augen „kostbar“ (1. Pet 1,19). Er allein vermag den Wert des Blutes Christi vollkommen zu schätzen. Das ist das Erste und Wichtigste. Gott hatte beim ersten Mal, wo vom Blut eines Opfers die Rede ist, gesagt: „Sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen“ (2. Mo 12,13). Das war beim Passah. Jetzt sind es die Priester, die geistlichen Söhne Aarons unter den Gläubigen, die wissen, dass (wenn auch im Zusammenhang mit dem Versöhnungstag) das Blut als Erstes in das Allerheiligste gebracht und auf und vor den Sühnungsdeckel gesprengt werden musste (3. Mo 16). Doch wenn das Blut so kostbar in den Augen Gottes ist, dürfen auch die Gläubigen es in seinem Wert betrachten.

Das Feuer und das Holz

Wir überspringen nun zunächst den Vers 6 (dort ist wieder von dem opfernden Israeliten die Rede) und fahren mit Vers 7 fort. Dort wird nämlich eine weitere Tätigkeit der Priester genannt: Sie sollen Feuer auf den Altar legen und Holz auf dem Feuer zurichten. In den Versen 5 und 8 werden sie „die Söhne Aarons, die Priester“, genannt. Hier sind sie jedoch „die Söhne Aarons, des Priesters“. Unser Blick wird dadurch auf den Herrn Jesus, unseren „großen Priester“, gelenkt (Heb 10,21; vgl. Heb 4,14).

Feuer ist das Bild der alles prüfenden Heiligkeit Gottes, die sich entweder im Gericht (1. Kor 3,13) oder wie hier im aufsteigenden Wohlgeruch zeigt. Christus ist Derjenige, der sowohl als Opfer wie auch als Hoherpriester die Heiligkeit Gottes kennt wie niemand anders. Von Ihm, dem großen Hohenpriester, lernen wir, wie wir sein kostbares Werk in würdiger Anbetung vor den Vater bringen können.

In der Beschreibung der Einweihung des Zeltes der Zusammenkunft heißt es in 3. Mose 9,24: „Und es ging Feuer aus von dem HERRN und verzehrte das Brandopfer und die Fettstücke auf dem Altar; und das ganze Volk sah es, und sie jauchzten und fielen auf ihr Angesicht.“ Das erste Feuer auf dem Brandopferaltar kam direkt von Gott, wie auch später bei der Einweihung des Tempels durch Salomo (2. Chr 7,1). Dies Feuer durfte nie ausgehen (3. Mo 6,5f). Trotzdem mussten die Priester sich immer wieder damit beschäftigen, um es für ein neues Opfer vorzubereiten. Das heißt, sie mussten sich die Heiligkeit des Ortes und der Handlung stets von neuem bewusst machen. Ebenso ist es bei uns, wenn wir am Tisch des Herrn dem Vater Anbetung in Geist und Wahrheit darbringen möchten. Wir werden in 1. Petrus 2,5 betrachtet als „eine heilige Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“. Sind wir uns dessen immer bewusst?

Nun mussten die Priester Holz auf dem Feuer zurichten. Holz ist in Gottes Wort oft ein Bild von irdischem Ursprung, mit anderen Worten: des natürlichen menschlichen Wesens. Der Herr Jesus, der Mensch geworden ist und sich als solcher auf den Platz seiner Geschöpfe gestellt hat, vergleicht sich einmal selbst mit „Holz“ (Lk 23,31; vgl. 2. Mo 15,25; 2. Kön 6,6). Er wurde als Mensch im Gericht gleichsam vom Feuer der Heiligkeit Gottes verzehrt (s. Ps 88,17). Er hat am Kreuz das Gericht Gottes über das sündige Fleisch von uns Menschen getragen (Röm 8,3).

Wenn wir als Erlöste Gott geistliche Schlachtopfer bringen, dann tun wir das als Menschen, deren Fleisch zwar mit Christus gekreuzigt, also gerichtet, aber dennoch in uns vorhanden ist. Vor den heiligen Augen Gottes hat das Fleisch jedoch keine Existenzberechtigung und keinen Platz. An diese ernste Tatsache erinnert uns das Verbrennen des Holzes. Nur wenn das fleischliche menschliche Element im Gericht verzehrt wird, kann der duftende Wohlgeruch des Opfers zu Gott emporsteigen. Das war so bei unserem sündlosen Herrn am Kreuz, der dies Gericht ein für alle Mal für Sünder erduldete (Röm 8,3; 2. Kor 5,21; Eph 5,2). Aber es gilt auch im Blick auf unser eigenes Fleisch bei der Anbetung am Tisch des Herrn. Anders ausgedrückt: Obwohl wir alle das Fleisch mit in die Zusammenkünfte bringen, muss es angesichts der Heiligkeit Gottes immer gerichtet werden, weil es dort keinen Platz hat. Der heilige Gott duldet keine Aktivität unseres Fleisches (vgl. dazu 3. Mo 27,9; 1. Chr 16,29). Und es ist unsere Aufgabe als Priester, dementsprechend zu handeln. Dann kann der angenehme Geruch der geistlichen Schlachtopfer zu unserem Gott und Vater emporsteigen.

Die einzelnen Stücke

Wir kehren nun wieder zu Vers 6 zurück. Hier tritt noch einmal der opfernde Israelit ins Blickfeld. Er hat sich von Anfang an mit dem Opfer beschäftigt, seine Vollkommenheit festgestellt („ohne Fehl“), es am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft dargebracht, seine Hand auf den Kopf des Opfers gelegt und es vor dem HERRN geschlachtet.

Während die Söhne Aarons als Priester das Blut des Opfers gesprengt und das Feuer und das Holz auf dem Altar zurichten, zieht der opfernde Israelit dem Opfertier die Haut ab und zerlegt es in seine Stücke. Hierbei handelt es sich also nicht um priesterliche Tätigkeiten, sondern geistlich betrachtet um die persönliche Beschäftigung des Gläubigen mit der Person und dem Opfer des Herrn Jesus. Diese intensive Beschäftigung mit der Vollkommenheit des Opfers geht der eigentlichen Darbringung voraus. Wir sollten nicht dabei stehenbleiben, uns in allgemeiner Weise mit der Person und dem Werk unseres Erlösers zu beschäftigen. Wenn wir unserem Gott und Vater Anbetung darbringen, ist es an uns, die Vollkommenheit Christi in ihren verschiedenen Aspekten zu erkennen, die beim Opfer den duftenden Wohlgeruch für Gott hervorrufen. Dies ist noch nicht die Darbringung der Anbetung, sondern geht ihr voraus.

Es ist bemerkenswert, dass es nicht einfach heißt: in Stücke zerlegen, sondern „in seine Stücke“. Das setzt eine eingehende Betrachtung und ein gewisses Verständnis voraus. Wir sehen darin den Wunsch Gottes, dass wir uns intensiv und mit geistlicher Einsicht mit der Person und dem Opfer unseres Herrn beschäftigen.

Beim Brandopfer werden außer der Haut (dem Fell) der Kopf, das Fett, die Eingeweide und die Beine (die Unterschenkel) genannt. Beim Friedensopfer werden andere Stücke erwähnt, die hier nicht vorkommen, wie der Fettschwanz, das Netz über der Leber und die Nieren, die mit dem Fett geopfert wurden, außerdem die Brust des Webopfers, die letztlich dem Priester zukam (3. Mo 3,9.10; 7,30). Die Vorschrift beim Passah, keinen Knochen des Lammes zu zerbrechen, weist ebenfalls darauf hin, dass beim Zerlegen des Opfers keine menschliche Überlegung oder gar Willkür herrschen durfte (2. Mo 12,46).

Diese Einzelheiten zeigen uns, dass wir bei der Betrachtung unseres Erlösers und seines Werkes mehr und mehr erkennen, dass „alles an ihm lieblich ist“, wie die Braut im Hohelied sagt (Hld 5,16; Ps 27,4).

Hieran anschließend noch einige weiterführende Gedanken: Wenn wir den Herrn Jesus und sein Werk am Kreuz erforschen, werden wir auch den Unterschied zwischen seinen Leiden von Seiten der Menschen und von Gottes Seite erkennen. Das Gleiche gilt für die Unterscheidung der Gottheit und Menschheit Christi sowie der Personen des Vaters und des Sohnes (die wir leider manchmal auch in unseren Gebeten durcheinanderbringen). Schließlich sei an die beiden wichtigen Ergebnisse des Werkes Christi am Kreuz erinnert: die Sühnung, die für die ganze Welt hinreicht, und die Stellvertretung, die zeigt, dass das Werk nur für diejenigen wirksam wird, die an Ihn glauben (1. Tim 2,6; Mt 20,28). Alle diese Unterscheidungen können wir im weiteren Sinn auf das Zerlegen des Opfers „in seine Stücke“ anwenden.

Die Haut

Die Haut ist das sichtbare Äußere, das zugleich einen prägenden Eindruck hervorruft. Beim Abziehen der Haut wurden auch der innere Wert und die ganze Vollkommenheit des Opfers erkennbar. Das bedeutet für uns, dass wir uns in unserer Anbetung nicht nur allgemein mit der Person unseres Herrn beschäftigen sollen, sondern auch mit den verschiedenen Einzelheiten, die wir bei Ihm entdecken. Je mehr wir das tun, desto größer wird Er für uns werden, und desto herrlicher kann dadurch der Wohlgeruch seines Opfers hervortreten. So musste auch das wertvolle Räucherwerk „zu Pulver zerstoßen“ werden, und gerade dadurch konnte sich sein wohlriechender Duft umso besser entfalten (2. Mo 30,36).

Weil die Haut des Opfers nicht auf dem Altar dargebracht wurde, wird sie nicht zu den „Stücken“ gezählt. Sie hat aber eine besondere Bedeutung in Verbindung mit dem Opfer. Zwei Schriftstellen machen das deutlich. Die erste finden wir in 1. Mose 3,21: „Und Gott der HERR machte Adam und Eva Kleider aus Fell [dasselbe Wort wie Haut] und bekleidete sie.“ Nach dem Sündenfall erkannten die Menschen ihre Nacktheit und versuchten, diese durch eigene Bemühungen zu bedecken. Aber das reichte vor Gott nicht aus. Er selbst machte ihnen Kleider aus Tierfellen (oder Tierhaut). Unschuldige Tiere mussten sterben, damit schuldige Sünder gottgemäß bekleidet werden konnten.

Auch heute sind alle Menschen von Natur aus geistlich „nackt“ vor Gott, selbst wenn sie mit ihrem natürlichen Leib „bekleidet“ sind. Alle, die ohne Christus sterben, werden einmal „für nackt befunden“ werden, weil ihnen Christus fehlt (s. 2. Kor 5,3). Aber alle Gläubigen haben „Christus angezogen“, indem sie auf Ihn getauft wurden (Gal 3,27; vgl. Röm 13,14). Das ist unsere wunderbare Stellung und Segnung!

In der zweiten Stelle (3. Mo 7,8) geht die Belehrung noch einen Schritt weiter. Dort heißt es: „Und der Priester, der jemandes Brandopfer darbringt: Ihm, dem Priester, soll die Haut des Brandopfers gehören, das er dargebracht hat.“ Auch wenn uns darüber nichts Genaueres mitgeteilt wird, dürfen wir ohne Zweifel eine Verbindung herstellen zwischen der Bekleidung Adams und Evas und dem Priester, dem die Haut des Brandopfers zufällt und der sich damit bekleiden darf. Für uns bedeutet dies: Als Priester haben wir das Bewusstsein davon, dass wir „angenehm gemacht [sind] in dem Geliebten“ (Eph 1,6 Anm.). Diese Bekleidung geht also weiter als das Wohlgefallen, das der opfernde Israelit fand, wenn er dem Opfertier, das er Gott darbrachte, die Hand auflegte (V. 4). Gott betrachtet alle, die an seinen Sohn glauben, als vollkommen eins gemacht mit Christus, dem wahren Brandopfer. Das ist wohl die höchste Bedeutung der Worte „in Christus“, denen wir im Neuen Testament so häufig begegnen (s. Eph 1,3; 2,6.10.13; 3,6.11.21).

Der Kopf und das Fett

Die ersten beiden Stücke, die hier genannt werden, sind der Kopf und das Fett. Diese sollten „die Söhne Aarons, die Priester … auf dem Holz zurichten über dem Feuer, das auf dem Altar ist“ (V. 8). Das Holz, das Feuer und der Altar waren zur Darbringung des Brandopfers erforderlich, obwohl sie nicht das Opfer selbst darstellten.

Der Kopf ist der edelste Teil des Körpers. Er ist der Sitz des Verstands und der Einsicht. Wie klar sehen wir das bei unserem Herrn verwirklicht! Das Wort Gottes sagt von Ihm: „Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde“ (Joh 18,4). Er selbst sagte mehrere Male verschiedene Einzelheiten seiner Leiden voraus (s. Mt 16,21; 17,12.22; 20,18; 26,2). Er wusste, dass Er sein Leben geben musste, um viele zu erlösen und um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (Mt 20,28; Joh 11,51.52). Damit stand Er im Gegensatz zu Isaak, der nicht wusste, dass er geopfert werden sollte. Alles, was unser Herr für Gott und uns tun würde, stand sein ganzes Erdenleben hindurch vor ihm: „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34). Mit all diesem dürfen wir uns anbetend beschäftigen und es in unseren Gebeten vor Gott, unserem Vater, aussprechen.

Die zuletzt zitierten Worte unseres Erlösers führen uns auch zum zweiten „Stück“, das auf dem Altar zugerichtet werden musste, zum Fett. Das Fett eines gesunden Tiers ist seine Kraftreserve. In 4. Mose 18,12 wird das hebräische Wort für Fett mit „das Beste“ übersetzt (vgl. 1. Mo 45,18: „das Beste des Landes … das Fett des Landes“). Im Gesetz war zudem bestimmt: „Alles Fett gehört dem HERRN“ (3. Mo 3,16), und im gleichen Abschnitt heißt es zweimal, dass das Fett des Friedensopfers die Speise (wörtlich: das Brot) des HERRN war (3. Mo 3,11). Im Wort Gottes spricht das Fett daher von der verborgenen inneren Energie und Vortrefflichkeit, die Gott allein zu würdigen weiß. Diese führte zu dem Entschluss des Herrn Jesus, nach Jerusalem zu gehen, um dort sein Werk zu vollbringen (s. Lk 9,51). Darauf weist auch Jesaja 50,7 hin, wo es heißt: „Darum machte ich mein Angesicht wie einen Kieselstein und wusste, dass ich nicht würde beschämt werden“. Diese beiden Aussagen bezeugen die Unerschütterlichkeit des Erlösers, nichts anderes als den Willen seines Vaters zu tun. Dasselbe brachte Er in seinen Gebeten in Gethsemane zum Ausdruck. Er war zwar gehorsam, aber nicht dadurch, dass Er seinen eigenen Willen unterdrückte, sondern durch den tiefen Wunsch, nur den Willen seines Vaters zu tun und Ihn dadurch zu verherrlichen. Auch die Beschäftigung mit dieser Seite des Wesens unseres Herrn führt uns zur Anbetung.

Das Wort „zurichten“ (hebr. ‘arach), das schon in Vers 7 beim Holz auf dem Feuer genannt wird, bedeutet im modernen Hebräisch „den Tisch decken“. So ist es auch in Sprüche 9,2 übersetzt (daneben gibt es noch andere ähnliche Bedeutungen). Wenn wir bedenken, dass der Brandopferaltar in Maleachi 1 der „Tisch des HERRN“ genannt wird, ersteht vor unserem geistlichen Auge das Bild eines für Gott gedeckten Tisches, auf dem die Einzelheiten der Person Christi, des geistlichen Schlachtopfers, zu seiner Ehre dargestellt werden. Wir als Anbeter dürfen sie gewissermaßen vor unserem Gott und Vater hinlegen und dann in Anbetung als Opfer aufsteigen lassen!

Die Eingeweide und die Beine

In Vers 9 werden als letzte Stücke die Eingeweide und die Beine (eig. Unterschenkel) erwähnt. Diese sollte der opfernde Israelit mit Wasser waschen, bevor der Priester auch sie auf die übrigen Stücke legte (vgl. 2. Mo 29,17). Diese beiden Teile gewähren uns einen Blick auf das für das Auge unsichtbare Innere und auf den äußerlich sichtbaren Wandel des Herrn Jesus.

Das hier benutzte Wasser ist oft ein Bild der geistlichen Reinigung durch das Wort Gottes (Joh 15,3; Eph 5,26). Wir benötigen diese Reinigung grundsätzlich und beständig, aber der Herr Jesus als Mensch und als Opfer war „heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern“ (Heb 7,26). Bei Ihm, dem vollkommen Reinen, gab es keine Unreinheiten, die hätten abgewaschen werden müssen. So diente das Waschen dieser Stücke nur der Offenbarung und Bestätigung seiner vollkommenen Reinheit.

Die Eingeweide sprechen hier bildlich von inneren Empfindungen. Es ist eine Eigenart der hebräischen und der griechischen Sprache, dass die Eingeweide als Sitz der Gefühle betrachtet werden (s. Ps 40,9; Klgl 1,20; Phlm 7). Heute sprechen wir vom Herzen oder von der Seele. Das an dieser Stelle im Hebräischen benutzte Wort (me’ah) wird meistens mit „Eingeweide“, an einigen Stellen hingegen mit „Inneres“ und „Herz“ wiedergegeben.

In diesem Licht spricht uns das Wort „Eingeweide“ ganz besonders an. In seinem Erdenleben und den Leiden des Todes war der Herr Jesus vollkommen Mensch. Als solcher kannte Er menschliche Empfindungen, aber sie waren bei Ihm im Gegensatz zu uns vollkommen und rein. Das sehen wir am Grab des Lazarus (Joh 11,33-38), in Gethsemane (Mt 26,37.38), besonders aber am Kreuz. Alle Worte, die Er dort sprach, bezeugen seine unantastbare Reinheit und Vollkommenheit. Bei uns können die Motive der erhabensten Gefühle mit Egoismus und ähnlichem vermischt sein. Das war bei unserem Herrn ganz und gar nicht so. Alles bei Ihm war vollkommen und dadurch zu Gottes Wohlgefallen.

Die Beine, auf denen wir uns bewegen, sind ein Bild des Lebenswandels, den alle sehen können. Auch dieser war – wie könnte es anders sein – bei unserem Herrn vollkommen und rein. Petrus sagt später darüber: „… Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38; vgl. Kap. 2,22). Alle seine Taten geschahen in voller Übereinstimmung mit seinem himmlischen Vater (Joh 5,36; 9,4). Niemand war in der Lage, Ihm auch nur eine einzige Sünde vorzuhalten (Joh 8,46). Auch diese Herrlichkeit stellte das Wasser des Wortes Gottes ans Licht.

Vor aller Augen lagen nun die einzelnen Teile oder „Stücke“ des Opfers auf dem Altar. Alle zusammen bildeten ein vollkommenes „Ganzes“, das in der angegebenen Ordnung auf dem Altar „zugerichtet“ war. Wie der Israelit und die Priester die Einzelheiten des Opfers betrachten konnten, so dürfen wir als Kinder Gottes und als Priester die verschiedenen Seiten des Opfers Christi anschauen. Dabei dürfen wir die äußerlich sichtbare und die innere Vollkommenheit bewundern. Wir sehen, dass Er „keine Sünde tat“ (1. Pet 2,22), dass Er „Sünde nicht kannte“ (2. Kor 5,21) und dass „Sünde nicht in ihm [ist]“ (1. Joh 3,5). Deshalb heißt es auch in Hebräer 9,14, dass Er „durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“. Mit der Darbringung des Opfers auf dem Altar kommen wir nun zum letzten Schritt und Höhepunkt, der eigentlichen Anbetung.

Der liebliche Geruch

„Und der Priester soll das Ganze auf dem Altar räuchern: Es ist ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“ (V. 9b). Die verschiedenen „Stücke“ stellen aus Gottes Sicht eine Einheit, „das Ganze“ dar, weil sie vor Ihm das ganze Opfer repräsentierten. „Räuchern“ ist im Hebräischen dasselbe Wort (hiqtir), das auch für die Darbringung des Räucherwerks Verwendung findet (2. Mo 30,7). Das Brandopfer wird also ausdrücklich nicht verbrannt, wie zum Beispiel der Körper des Sündopfers außerhalb des Lagers verbrannt wurde (3. Mo 4,12). Das Feuer der Heiligkeit Gottes wird hier nicht im Gericht tätig, sondern es entzündet „ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“. Diese Worte bringen auch die eigentliche Bedeutung des Wortes „Brandopfer“ (= Aufsteigendes) deutlich zur Geltung. Das ganze Opfer stieg zu Gott empor und verströmte dabei für Ihn einen „lieblichen Geruch“ (eig. Geruch/Duft der Beruhigung). Gottes Herz ist erfüllt von der Herrlichkeit des Opfers seines geliebten Sohnes, wenn die Seinen ihre Anbetung vor Ihn bringen.

Damit sind wir bei der eigentlichen Bedeutung des Brandopfers angekommen. Zwar gab es auch bei allen anderen Opfern bestimmte Teile, die als lieblicher Geruch zu Gott aufstiegen: das „Gedächtnisteil“ beim Speisopfer (3. Mo 2,2; 3,8), beim Friedensopfer das Fett und die Nieren (3. Mo 3,3-5) und beim Sündopfer das Fett (3. Mo 4,31). Doch beim Brandopfer wird „das Ganze“ auf dem Altar geräuchert. Wie könnte es auch anders sein! Von welcher Seite wir das Opfer unseres Herrn auch betrachten, immer werden wir entdecken, dass Gott dadurch verherrlicht worden ist und auch durch uns verherrlicht wird, wenn wir uns in Anbetung damit beschäftigen.

Die Beziehung der Darbringung des Brandopfers zum Räuchern des Räucherwerks ist bemerkenswert. Das Räucherwerk wurde gewöhnlich auf dem goldenen Altar im Heiligtum entzündet. Dieser Altar stand unmittelbar vor dem Scheidevorhang und gehörte eigentlich zum Allerheiligsten (s. Heb 9,6). Er ist ein Abbild unserer Freimütigkeit zum Nahen zu Gott aufgrund der Vorzüglichkeit Christi. „Durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater“ (Eph 2,18). Der liebliche Geruch spricht bei der Darbringung des Räucherwerks vom Wert der herrlichen Person Christi, beim Brandopfer vom Wert seines Werkes.

Das ist also die Beziehung zwischen dem Räucherwerk und dem Brandopfer. David hatte schon etwas davon verstanden, wie seine Worte in Psalm 141,2 zeigen: „Lass als Räucherwerk vor dir bestehen mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Abendopfer!“ Beide verströmten einen lieblichen Geruch vor Gott. Das Brandopfer in 3. Mose 1 zeigt uns die vollkommene Hingabe unseres Herrn in seinem Werk am Kreuz, und zwar gesehen in ihrer Wertschätzung durch Gott selbst, aber auch durch die Gläubigen, die durch Ihn Gott, dem Vater, nahen. So erklärt sich die neutestamentliche Stelle über unsere Anbetung in 1. Petrus 2,5: „… eine heilige Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“. Auch heute steigt bei der Anbetung in Geist und Wahrheit ein duftender Wohlgeruch zu Gott, unserem Vater, empor. Möchten wir immer darum bemüht sein, wenn wir zu diesem Zweck zusammenkommen!

Die übrigen Brandopfer

Der Stier, der am Anfang von 3. Mose 1 als erstes Brandopfer genannt wird, war bei weitem das größte und wertvollste Tier. Wir haben uns schon daran erinnert, dass Gott mit dem beginnt, was Ihm am nächsten steht und für Ihn den größten Wert hat. Wenn wir die damit verbundenen Belehrungen auf uns einwirken lassen, müssen wir wohl alle bekennen, dass wir uns nicht immer auf diesem hohen geistlichen Niveau befinden. Beim Gedanken daran könnten wir verzagen.

Doch in seiner Gnade hat Gott vorgesorgt. Er stellt uns nicht nur den Stier als höchstes Brandopfer vor, sondern auch kleinere Tiere wie Schafe, Ziegen oder Tauben. Diese in ihrer Größe und in ihrem Wert geringeren Opfer sind jedoch nicht dem Belieben des Opfernden überlassen. Damit würde Gott ja mangelnde Bereitschaft oder geistliche Trägheit unterstützen. Nein, die Armut, das Unvermögen sind hier der Grund. Niemand in Israel brauchte zu denken, dass er kein Brandopfer bringen könne, weil er zu arm war. Und kein Kind Gottes muss in der gegenwärtigen Zeit von der wahren Anbetung zurückstehen, weil es noch nicht viele Erfahrungen mit seinem Erlöser gemacht hat oder meint, er könne sich nicht richtig ausdrücken. Zeigt uns das nicht die Gnade Gottes mit den Seinen?

Dass es hier wirklich um Armut geht, wird in Kapitel 5,7 und 11 bestätigt, wo es bei der Darbringung des Schuldopfers zweimal heißt: „Und wenn seine Hand … nicht aufbringen kann“. Ähnlich ist es bei der Reinigung einer Mutter nach der Geburt eines Kindes (3. Mo 12,8) und bei der Reinigung eines Aussätzigen, wo einmal sogar als Erklärung hinzugefügt wird: „wenn er arm ist“ (3. Mo 14,21.32). In der Gesamtzahl dieser fünf Schriftstellen dürfen wir einen Hinweis auf unsere Verantwortung vor Gott sehen. Er weiß genau, wie viel wir Ihm bringen können und nimmt auch ein Opfer von geringerem äußerlichem Wert an. Denn „der Mensch sieht auf das Äußere, aber der HERR sieht auf das Herz“ (1. Sam 16,7).

Schaf und Ziege

Das Kleinvieh als Alternative zum Rind als Brandopfer wird bereits in Vers 2 erwähnt. Bei den meisten Vorkommen des Wortes „Kleinvieh“ ist das Schaf gemeint. Das Schaf, oft ein einjähriges Lamm, ist das am häufigsten vorgeschriebene Brandopfer in den Opfergesetzen (vgl. besonders das tägliche Brandopfer in 2. Mo 29,38-42). Das Schaf spricht bildlich von Geduld und Ausharren (vgl. Jes 53). Unser Herr wird immer mit diesem Opfertier, und zwar einem Lamm, verglichen (Joh 1,29; 1. Pet 1,19; Off 5,6). Hier wird jedoch auch der Ziegenbock erwähnt, der das wichtigste Tier für das Sündopfer ist (3. Mo 4,23.28; 5,6; 16,5; 4. Mo 28,15).

Dese Opfertiere drücken bildlich gesehen eine geringere Kenntnis und Wertschätzung der Person und des Werkes Christi aus. Dennoch waren die Anforderungen Gottes an die Beschaffenheit der Opfertiere die gleichen wie beim männlichen Rind. Auch hier mussten es männliche Tiere ohne Fehl (oder: vollkommen) sein. Doch es fehlt der Hinweis auf die Darbringung am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und auf die Handauflegung und das damit verbundene Wohlgefallen vor Gott. Der Vergleich mit dem Rind zeigt, dass dem Opfernden das Bewusstsein des Ortes und des Wohlgefallens Gottes fehlt, ebenso das Abziehen der Haut nach dem Schlachten. Die Beziehung zum Opfer wird hier als nicht so innig dargestellt (V. 10).

Ein Zusatz fällt dabei auf, der diesen Gedanken bestätigt: „Und er soll es schlachten an der nördlichen Seite des Altars vor dem HERRN“ (V. 11). Der Norden wird in der Bibel oft als düstere und kalte Region gesehen, aus der feindliche Angriffe zu befürchten sind – ja, das Gericht Gottes (s. Jer 1,14; 6,1). Das könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass der Opfernde in dem Tier mehr die Befreiung vom Gericht sieht, vor allem auch, weil hier nicht auf das Wohlgefallen durch das Opfer hingewiesen wird. Aber auch hier wird der priesterliche Charakter sichtbar, denn die Priester sprengen das Blut als Zeugnis des vollbrachten Werkes für jedermann sichtbar ringsum an den Altar.

In den folgenden Versen 12 und 13 werden die gleichen Vorgänge beschrieben wie in den Versen 6-9, jedoch kürzer und knapper. Die hier fehlenden Einzelheiten sind nicht ausgelassen, um Wiederholungen zu vermeiden, sondern ebenso vom Heiligen Geist inspiriert wie ihre Erwähnung beim ersten Opfer. Das zeigt uns beispielsweise ein Vergleich mit der siebenmaligen detaillierten Wiederholung der Opfer am Laubhüttenfest in 4. Mose 29,13-38. In Gottes Wort haben auch die geringsten Kleinigkeiten ihre geistliche Bedeutung.

Eine Besonderheit sticht hier positiv hervor. Im Unterschied zu Vers 9 heißt es in Vers 13: „und der Priester soll das Ganze darbringen und auf dem Altar räuchern“. Die „Darbringung“ wird beim höchsten Brandopfer am Anfang der gesamten Zeremonie vom Opfernden ausgeführt (V. 3). Hier nun wird sie ganz zum Schluss „nachgeholt“, aber nicht durch den Opfernden, sondern durch den Priester. Sowohl der opfernde Israelit als auch der Priester stellen ja den Gläubigen dar, allerdings jeweils in einem anderen Charakter. Es ist, als ob der Heilige Geist uns hier sagen will: Auch wenn du geistlich noch schwach bist, wirst du durch das Nachdenken über das Werk Christi zu einem tieferen Verständnis hinwachsen. Eben das sagte mir in meiner Jugend einmal ein älterer Bruder: „Das meiste über die Person unseres Herrn habe ich in den Stunden des Brotbrechens und der Anbetung gelernt.“ Er hatte recht.

Noch eine zu Herzen gehende Einzelheit, die leicht übersehen werden könnte, finden wir im letzten Satz: „Es ist ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“. In Vers 9 steht an dieser Stelle wörtlich: „Ein Brandopfer dem HERRN …“, das heißt, die Worte „Es ist“ stehen nicht im Text (daher in der EÜ CSV in Kleindruck). Hier aber stehen sie in der Übersetzung zu recht. Das ist bemerkenswert, weil im Hebräischen normalerweise keine Kopula (d. i. ein Bindeverb) erforderlich ist. Hier in Vers 13 steht jedoch ein Pronomen (hebr. hu „er, es“), das das Verb ersetzt und eine recht starke Betonung ausdrückt. Man könnte es auch mit „Dies ist ein Brandopfer dem HERRN …“ wiedergeben. Sehen wir darin nicht die Gnade unseres Gottes und Vaters, der uns gerade bei einem geringeren Opfer sagen lässt: Denkt nicht, dass dies geringere Brandopfer weniger wert ist; nein, für mich ist es ebenso „ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs“? Wahrlich eine große Ermunterung gerade für Christen, die noch jung im Glauben sind.

Turteltaube oder junge Taube

Das letzte und zugleich kleinste Brandopfer wird in den Versen 14-17 beschrieben. Es zeigt uns, dass ein Israelit, der weder ein Schaf oder eine Ziege, geschweige denn ein männliches Rind bringen konnte, vom freiwilligen Brandopfer keineswegs ausgeschlossen war.

Die hier genannten Opfertiere werden bei der Aufzählung in Vers 2 nicht einmal erwähnt. Das Wort „Geflügel“ weist auf den himmlischen Ursprung unseres Herrn hin, der von sich sagte: „Ich bin vom Himmel herabgekommen“ (Joh 6,38; 1. Kor 15,47). Die grundlegende Tatsache, dass unser Erlöser aus dem Himmel kam, aber nicht von dieser Welt war, muss jeder Gläubige verinnerlichen und anerkennen. Nur Tauben („junge Tauben oder Turteltauben“) durften von allem Geflügel als Opfer gebracht werden, das heißt, sie wurden als rein und zahm betrachtet. Die Taube ist ein Bild von Reinheit und Unschuld (vgl. 1. Mo 8,8; Mt 10,16). Wenn Tauben als Opfergabe gebracht werden mussten, waren es wegen ihrer geringen Größe meistens zwei.

In diesen kleinsten aller Opfertiere sehen wir erneut die Gnade unseres Gottes und seines Sohnes, „der um unsertwillen arm wurde, damit wir durch seine Armut reich würden“ (2. Kor 8,9). Nach 3. Mose 12 musste eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes ein Brandopfer und ein Sündopfer bringen. Dabei wird zum Schluss die folgende Ausnahme erwähnt: „Und wenn ihre Hand das zu einem Schaf Erforderliche nicht aufbringen kann, so soll sie zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben nehmen, eine zum Brandopfer und eine zum Sündopfer; und der Priester soll Sühnung für sie tun, und sie wird rein sein“ (3. Mo 12,8). Gerade dieses geringste aller Opfer wird anlässlich der Geburt unseres Erlösers als Mensch auf der Erde erwähnt (Lk 2,22-24).

Bei der Darbringung von Tauben musste der Priester fast alles allein durchführen. Das Einzige, was der Israelit tat, war die Darbringung des Tiers, das heißt, das Herzubringen in den Vorhof des Zeltes der Zusammenkunft. Es gibt hier keine Handauflegung, die die innige Vereinigung mit dem Opfer ausdrückt. Sogar das Töten, die Erinnerung an den Tod Christi, wird nicht von dem Opfernden vollzogen. Der Priester brachte die Opfergabe zum Altar und tötete das Tier, indem er ihm den Kopf abknickte. Der Kopf dieses kleinen Opfertiers wurde nicht abgetrennt, um das an sich schon kleine Opfer nicht noch kleiner zu machen.

Aber dann wird sogleich hinzugefügt: „… und er räuchere sie auf dem Altar“ (V. 15). Dies ist die erste von zwei Erwähnungen des Räucherns (s. V. 17)! Ist es nicht eine große Ermunterung für uns, dass gerade die höchste Handlung beim Brandopfer hier beim kleinsten und geringsten Opfer zweimal erwähnt wird? Menschlich betrachtet gab es bei einem so kleinen Tier nur wenig zum Räuchern. Aber aus Gottes Sicht diente dies genauso zur Verherrlichung wie bei den größeren Opfern. Das wird hier ganz besonders hervorgehoben.

Dann musste das Blut „ausgedrückt werden an die Wand des Altars“. Es war so wenig Blut vorhanden, dass es nicht einmal gesprengt werden konnte. Das weist auf ein geringeres Verständnis der Sühnung hin, die der Herr am Kreuz durch seinen Tod vollbracht hat (3. Mo 17,11; Röm 3,25).

Sodann musste der Priester den „Kropf mit seinem Unrat [oder: Gefieder]“ abtrennen und neben den Altar nach Osten, an den Ort der Fettasche, werfen (V. 16). Es ist klar, dass dies nicht auf das einmalige, vollkommene Opfer Christi bezogen werden kann. Es bestätigt die Erklärung der Opfer am Anfang des 3. Buchs Mose als Beschreibung dessen, was wir als Gläubige Gott opfern. Da gibt es leider auf unserer Seite Unvollkommenheiten.

Dies ist wohl das einzige Mal, dass ein Teil eines Opfers weggeworfen werden musste. Natürliche oder sogar fleischliche Dinge passen nicht in die heilige Gegenwart Gottes. Der „Ort der Fettasche“ befand sich einmal unmittelbar neben dem Altar, zum anderen aber auch als reiner Ort außerhalb des Lagers (3. Mo 6,3.4). Hier wurde die Asche alles dessen, was auf dem kupfernen Altar dargebracht wurde, gelagert. Das betraf hauptsächlich das Gott geweihte Fett. Durch das Räuchern wurde es zu Asche, die noch an den Wohlgeruch für Gott erinnerte, aber zu nichts mehr gebraucht wurde[6].

Dorthin kamen auch der Kropf und der Unrat (o. das Gefieder) der Tauben.

Die Himmelsrichtung Osten (oder: Morgen, oder: Aufgang [Orient]) hat in Gottes Wort verschiedene, ja gegensätzliche Bedeutungen. Sie weist einerseits auf die Gottesferne hin, die Kain für sein Leben wählte (1. Mo 4,16), andererseits aber auch auf das Nahen zu Gott, ja sogar auf das Kommen Christi (Lk 1,78). Das Tor zum Zelt der Zusammenkunft wies nach Osten, und vom Osten wird einmal der Messias in Jerusalem einziehen (Hes 43,2; Sach 14,4).

Schließlich heißt es noch: „Und er soll sie an den Flügeln einreißen, er soll sie nicht zertrennen“ (V. 17). Das steht im Kontrast zum Zerteilen „in seine Stücke“ bei den vorigen Brandopfern. Aber bei den Tauben war das „Zertrennen“ deshalb untersagt, weil das Opfer so klein war. Die Einheit des ganzen Opfers war vorrangig. Das sollte weder der Priester noch der Opfernde aus dem Auge verlieren. Das Einreißen trennte die gewöhnlich enganliegenden Flügel mehr vom Körper. Dadurch rückten sie als Zeichen des himmlischen Charakters des Opfers ins Blickfeld.

Die Tatsache, dass der Priester beim Opfer von Tauben alles außer der Darbringung tun musste, hat eine besondere Bedeutung. Bei den ersten beiden Formen des Brandopfers zeigt die Person des Priesters bildlich die praktische Ausübung des priesterlichen Dienstes, zu dem alle wahren Gläubigen vor Gott befähigt sind (1. Pet 2,5). Dadurch, dass der Opfernde und der Priester durch ihre Tätigkeiten eng miteinander verbunden sind, zeigen sie uns diese zwei Wesenszüge in einer Person. Aber hier scheint es anders zu sein. Der Opfernde ist geistlich so schwach, dass er zwar das Opfer bringt, aber weiter nichts tut. Man ist geneigt zu denken, dass der Priester hier bildlich eine andere Person als der Opfernde darstellt. Daraus ergibt sich eine ermunternde Schlussfolgerung. Wie schön ist es, wenn jemand, der vielleicht gerade zum Glauben gekommen ist, während der Anbetung einen schwachen Dank für das Erlösungswerk bringt, wobei er sich auf die Vergebung seiner Sünden beschränkt, und ein geistlicher Bruder das in seinem Gebet aufgreift und gewissermaßen zu einem Brandopfer macht!

Dann kann auch von einem so kleinen Brandopfer wie der Taube zum Abschluss gesagt werden: „und der Priester soll sie auf dem Altar räuchern, auf dem Holz, das über dem Feuer ist: Es ist ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“. Hier fehlt zwar der Ausdruck „das Ganze“, weil es kaum Einzelteile oder Einzelheiten gab. Doch der Ort war derselbe Altar mit dem Holz über dem Feuer.

Hier wird nun bei diesem Opfer zum zweiten Mal das Räuchern erwähnt (s. V. 15). Soll uns diese Wiederholung nicht wie eine doppelte Unterstreichung daran erinnern, dass auch dieses kleinste aller Opfer trotz seiner Mängel Gott zum lieblichen Geruch diente? Eine weitere Unterstreichung enthalten die Worte „Es ist ein Brandopfer“. Wie wir gesehen haben, fehlt diese Hervorhebung beim Rind, ist aber auch bei Schaf oder Ziege vorhanden. Hierdurch will der Heilige Geist verhindern, dass die kleineren Brandopfer von uns geringer eingeschätzt werden. Aber wenn der Mensch sieht, was vor Augen ist, sieht unser Gott doch das Herz an. So war es bei der armen Witwe, die zwei Lepton (die kleinsten damaligen Münzen) in den Schatzkasten des Tempels einlegte (Lk 21,2). Menschlich gesehen war dies ein minimales Opfer, aber der Herr Jesus sah, dass sie alles, was sie hatte, eingelegt hatte. Genauso sieht Er unsere geistlichen Schlachtopfer des Lobes an. Ermuntert uns das nicht, bei der gemeinsamen Anbetung nicht zurückzustehen, sondern Ihm aus unseren Herzen das zu bringen, was Ihn ehrt und erfreut, wenn es nur seinen geliebten Sohn zum Gegenstand hat?

 

 

 

 

 

 


Fußnoten:

  1. Wie die angeführte Stelle im Hebräerbrief zeigt, wurde durch die beständige Wiederholung der Opfer zugleich erwiesen, dass sie keine vollkommene Sühnung bewirken konnten. Die vielen Opfer stehen dadurch auch im Gegensatz zu dem ein für alle Mal vollbrachten Werk Christi.

  2. Die einzige Ausnahme davon scheint der „Löwe aus dem Stamm Juda“ zu sein, Off 5,5.

  3. Hiermit soll nicht gesagt werden, dass am Tisch des Herrn die einzige Möglichkeit zur Anbetung besteht. „In Geist und Wahrheit“ können die wahrhaftigen Anbeter zu jeder Zeit und an jedem passenden Ort dem Erlöser und dem Vater auch individuelle Anbetung bringen.

  4. Die beiden ersten Vorkommen von hebr. kaphar „bedecken“ finden wir bei Noah, der die Arche, die er baute, mit Erdharz bedecken sollte, und bei Jakob, der durch sein Geschenk das Angesicht Esaus bedecken wollte (1. Mo 6,14; 32,21).

  5. Das höherstehende Hohepriestertum Christi nach der Ordnung Melchisedeks lassen wir hier außer Betracht.

  6. Die Asche der roten jungen Kuh stellt keine Ausnahme dar, denn es handelte sich nicht um ein Opfer auf dem Altar (s. 4. Mo 19)

Arend Remmers

Einordnung: Im Glauben leben, Jahrgang 2026, Heft 7, Seite 9

Bibelstellen: Johannes 5,39; Hebräer 9,11-14.23.24; 10,10-14.25; 3. Mose 1; 2. Mose 29; Epheser 5,2; 1. Petrus 2,5; u. a.;

Stichwörter: Anbetung, Brandopfer, Christus, einmalig, wohlangenehm, Wohlgeruch